11. Kapitel. Die Geldversorgung. § 3.
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Waren bestand, zeigt die Gestaltung der deutschen Handelsbilanz,deren Einfuhrüberschuß im Jahre 1872: 941460000 Mark, im Jahre1873: 1454245000 Mark, im Jahre 1874: 1 251579000 Mark betrug.Bezeichnend ist, daß in Frankreich in jenen Jahren an Stelle desvorher bestehenden Einfuhrüberschusses ein Ausfuhrüberschuß ge-treten ist.
Obwohl nur etwa ein Viertel der ganzen Kontribution in Goldrealisiert und der ganze Eest. in Wertpapieren und Waren übertragenwurde, machte sich die durch diese Zahlung hervorgerufene Störungder internationalen Zirkulationsverhältnisse stark fühlbar. Der deutsche Metallgeldbestand hat zwar infolge gewisser sich aus der Durch-führung der Münzreform ergebender Gegenwirkungen') nicht unmittel-bar um den vollen Betrag des durch die Kontribution erhaltenen undbeschafften Goldes zugenommen, immerhin ist er nach eingehenden Be-rechnungen 2 ) von etwa 1985 Millionen Mark bei Beginn der Münz-reform (Mitte 1871) auf 2810 Millionen Mark um die Mitte des Jahres1873 angewachsen; das war innerhalb zweier Jahre eine Zunahmeum 825 Millionen Mark oder um mehr als 40 Prozent des zu Beginnder Münzreform in Deutschland vorhandenen Geldbestandes, die sichauf Kosten des Metallgeldvorrates der übrigen europäischen Länder,namentlich Frankreichs, Belgiens und Englands , vollzog. Dadurchwurde in Deutschland relativer Geldüberfluß und in den beteiligtenausländischen Gebieten relativer Geldmangel erzeugt. Die Reaktionauf diese Verschiebung war, daß erstens nach der Beendigung derMilliardenzahlung und nach dem Aufhören des durch die Über-spekulation und die Krisis von 1873 verursachten außerordentlichenGeldbedarfs die Zinssätze für kurzfristigen Kredit auf dem deutschen Geldmarkte sich für längere Zeit niedriger stellten als auf irgendeinem ausländischen Geldmarkte, daß zweitens auch nach der Ab-tragung der Kontribution die deutsche Handelsbilanz fortfuhr, einensehr erheblichen Einfuhrüberschuß aufzuweisen. Der stärkere Geld-bedarf des Auslandes machte mithin, soweit er sich in höheren Zins-sätzen äußerte, die zinsbare Anlage von Geld im Auslande für diedeutschen Kreditgeber zu einem lohnenden Geschäfte; ferner befördertedie Tatsache, daß der Geldbedarf der deutschen Volkswirtschaft ineinem beträchtlich höheren Umfange gedeckt war, als der Bedarf derdeutschen Volkswirtschaft an anderen Gütern, den Austausch des inDeutschland relativ überflüssigen Geldes gegen solche Erzeugnissedes Auslandes, nach denen in Deutschland ein relativ größerer Begehr
1) Namentlich die Austreibung der in großen Mengen umlaufenden fremden.Münzen (österr. Gulden, Fünffiankenstücke usw.) hat in den ersten Jahren derMüuzrefonn der Vermehrung des Geldvorrates entgegengewirkt.
2) Siehe meine .Reform des deutsehen Geldwesens". II. S. 365 ff. und S. 402.