12. Kapitel. Der Geldwert. § 1.
525
Reaktion auf die merkantilistiscken Vorstellungen, nach denen dasGeld in ganz besonderem Grade die Verkörperung von Wert undReichtum darstellte, mit Nachdruck vertreten worden. Schon Lockehat die Ansicht geäußert, daß die Menschheit dahin übereingekommen sei,dem Golde und Silber einen imaginären Wert („imaginary value") beizu-legen; Gold und Silber seien auf Grund eines allgemeinen Übereinkommensein allgemeines Unterpfand (,common pledge"), gegen welches die wirt-schaftenden Individuen mit Sicherheit Dinge im gleichen Werte, wiedie von ihnen gegen das Geld weggegebenen, erhalten könnten. DavidHume hat das Geld als eine bloße „representation of labour and com-modities" dargestellt, als ein Zeichen, das nur zur Messsung und Ab-schätzung des Wertes von Arbeit und Gütern diene. Ähnlich habensich Montesquieu und eine Anzahl neuerer Schriftsteller (wie Oppen-heim, Macleod usw.) geäußert.
Die entgegengesetzte Auffassung ist hauptsächlich von den Physio-kraten (Tuegot), den klassischen englischen Nationalökonomen undderen Nachfolgern in Frankreich und Deutschland , ferner von KablMarx in seinem „Kapital" vertreten worden. Roscher hat sie ineinem oft zitierten Satze dahin zugespitzt: „Die falschen Definitionendes Geldes lassen sich in zwei Hauptgruppen teilen; solche, die es fürmehr, und solche, die es für weniger halten als eine Ware".
Ganz neuerdings haben die Erscheinungen der modernen Papier-währung und der Währung mit gesperrter Prägung den Streit um dieWertqualität des Geldes aufs neue angefacht.
Entsprechend der starken Betonung, welche von den meisten Theo-retikern bisher die Funktion des Geldes als „Wertmaß" erfahren hat,ist die Frage, ob das Geld einen „eignen Wert" haben müsse, vor-wiegend unter dem Gesichtspunkte behandelt worden, ob die Wert-
gewordenen Tauschmittel ergibt; woraus wieder folgt, daß man in diesem Sinnenicht vom Werte des Tauschmittels selber reden kann" (S. 7 und 3). Hier steht nochdie zutreffende Einschränkung „in diesem Sinne". Diese Einschränkung kommtjedoch im weiteren Verlaufe der Darstellung abhanden; Knapp schreibt einigeSeiten später (S. 25): „Auch dürfen wir bekanntlich den Begriff Wert nicht auf dieZahlungsmittel selber, also auch nicht auf das Geld anwenden, sondern nur aufDinge, die nicht selber Zahlungsmittel sind, da wir beim Wert stets das jeweiligeZahlungsmittel als Vergleichsgut voraussetzen".
Der Gedankensprung, durch den hier das Wertproblem im Gelde eliminiert undgewissermaßen in das Reich der Metaphysik verwiesen wird, ist offenkundig.Man bleibt durchaus auf realem Boden und in dem Kreise der durch die Wissen-schaft aufzuklärenden Probleme, wenn man die Frage stellt und untersucht: durchwelche Faktoren werden die erfahrungsgemäß veränderlichen Austauschverhältnissezwischen dem Gelde und den übrigen Verkehrsobjekten bedingt, und auf welcheWeise vollziehen sich die Veränderungen dieser Austauschverhältnisse? Dies undnichts anderes ist das Problem des Geldwertes.
«