Druckschrift 
Das Geld / Von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
585
Einzelbild herunterladen
 

12. Kapitel. Der Geldwert. § 8.

585

Jahrhundert festgestellt sind, auch die größte jemals dagewesene Geld-flüssigkeit und die niedrigsten jemals dagewesenen Diskontsätze; inBerlin wurde im Durchschnitt des Jahres 1894 ein Marktdiskont von1,74 Prozent, in London wurde im Jahre 1895 ein durchschnittlicher Markt-diskont von nur 0,81 Prozent verzeichnet. Die darauf folgende sich biszum Jahre 1900 fortsetzende Aufschwungsperiode hat gleichzeitig mit derErhöhung der wesentlichen Großhandelspreise eine ungewöhnliche Steige-rung der Diskontsätze gebracht; in Deutschland sah sich die Reichsbankin den letzten Tagen des Jahres 1899 zu einer Erhöhung ihres Dis-kontsatzes auf 7 Prozent genötigt, der Marktdiskont überschritt um dieseZeit sowohl in Berlin als auch in London den Satz von 6 Prozent. Derim Jahre 1900 einsetzende Rückschlag hat mit sinkenden Preisen auchwieder eine Erleichterung des Geldmarktes und sinkende Zinssätzeherbeigeführt. Dasselbe Spiel wiederholt sich in dem ersten Jahrzehnt-des 20. Jahrhunderts. Der neue wirtschaftliche Aufschwung, der von 1894bis 1907 währte, brachte mit der starken Preissteigerung auch einesogar noch die Jahre 1899/1900 übertreffende Erhöhung der Diskontsätze(bis auf 7'/s Prozent bei der deutschen Reichsbank), ebenso der Kon-junkturrückschlag einen scharfen Rückgang der Preise und des Diskonts.

Aus dem Gelde heraus läßt sich dieser Parallelismus von Groß-handelspreisen und Zinssätzen für kurzfristigen Kredit schlechterdingsnicht erklären; wir würden vielmehr vor einem unlösbaren Wider-spruche stehen. Dagegen erscheint dieser Parallelismus nicht nur er-klärlich, sondern durchaus notwendig, sobald man von dem Gelde alsder treibenden Ursache der Preis- und Diskontbewegungen absiehtund die auf der Seite der Waren vorliegenden Bestimmungsgründezum Ausgangspunkte nimmt. Wenn die Richtungen der großen wirt-schaftlichen Wellenbewegungen durch die Verschiebungen im Verhält-nis von Produktion und Bedarf bedingt sind, wenn der steigende undungenügend gedeckte Bedarf die Preise erhöht, wenn dann allein schoninfolge der erhöhten Preise und Unternehmergewinne die Produktionsich ausdehnt und die Umsätze sich vermehren, so ist die notwendigeFolge eine gesteigerte Inanspruchnahme des Geldmarktes. Es ist be-reits bei der Klarstellung der Schwankungen des Geldbedarfs aufdiesen Einfluß der vermehrten Umsätze und erhöhten Preise hinge-wiesen worden. Der einzelne Unternehmer sucht sich gegenüber dengrößeren Umsätzen und erhöhten Preisen zu helfen, indem er einen' stärkeren Kredit in Anspruch nimmt, vor allem indem er auf größereBeträge Wechsel zieht oder auf sich ziehen läßt, die dann zur Dis-kontierung gebracht werden und den Diskontsatz steigern. Wennumgekehrt die Warenproduktion die Aufnahmefähigkeit des Marktesübersteigt, wenn infolgedessen ein Rückgang der Preise und Unter-nehmergewinne, eine Lähmung des Unternehmungsgeistes und eine