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Das Reichsnotopfer / Staatsminister Dr. Helfferich
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Finanzlage des Reichs hat sich weiter erheblich verschoben na-türlich .zum Schlimmeren. Da der jetzige Reichsfinanzminister, HerrErzberger, es nicht für nötig gehalten hat, in seiner sogenann-ten Rrogrammrede vom 8. d. M. in einer Darstellung der Finanzlagedes .Reichs die notwendige Grundlage für eine Beurteilung seinerFinanzprojekte zu schaffen, so will ich zunächst das von ihm Ver-säumte, soweit mir das Material zur Verfügung steht, in kurzenStrichen nachholen.

Die während des Krieges und der Revolution vom 1. August1914 bis heute (Mitte Juli 1919) aufgelaufene Verschuldungdes Reiches berechne ich auf etwa 165 Milliarden Mark.Davon sind etwa 140 Milliarden in den 51 Kriegsmonaten bis zumWaffenstillstand und zur Revolution entstanden, etwa 25 MilliardenMark [in den acht Monaten der Revolutionsregierung. Von dem Ge-samtbetrag entfallen rund 92 Milliarden Mark auf die sogenanntefundierte S c h u 1 d " (5proz. Kriegsanleihe, sowie 5proz. und4i/ 2 proz. >Reichsschatzanweisungen mit längerer Laufzeit) und 73bis 74 Millarden Mark auf die sogenannte u n f u n d .i e r t eSchuld" '(hauptsächlich Reichsschatzanweisungen mit dreimonat-licher Laufzeit). Was diese Verschuldung bedeutet, mag man darausermessen, daß sie mehr als die Hälfte des vor Kriegs-ausbruch vorhandenen deutschen Volksvermögensausmacht, das ich damals auf etwa 315 Milliarden Mark geschätzthatte. Allein an Zinsen erfordern die 165 ^Milliarden der Reichs-kriegs- unti Revolutionsschulden der verschiedenen Art einen jähr-lichen Aufwand von rund 8,25 Millarden Mark. Dazu kommt alsunmittelbare Folge des Krieges die Belastung des Reichshaushaltsmit den Renten für die Kriegshinterbliebenen und Kriegsbeschädigten,die .Herr Dr. Schiffer im 1 Februar auf 4,25 Milliarden Mark jährlichveranschlagte. Zusammen ergibt das eine jährliche Neubelastungvon 121/2 Milliarden Mark, während die gesamten laufendenAusgaben des Reiches im letzten Friedensjahre (1913) nur 2,4Milliarden betrugen. Da trotz der Verringerung unseres Heeres undunserer Marine bis zur völligen Bedeutungslosigkeit mit einem er-heblichen Anwachsen der laufenden Ausgaben des Reiches alseiner Folge der Gehalts- und Lohnerhöhungen wie der Preissteige-rung gerechnet werden muß, da außerdem vorläufig das Schulden-machen im Ausmaß von mehreren Milliarden Mark 1 monatlich unter derRevolutionsregierung ruhig weitergeht, erscheint mir die Schätzungder künftigen laufenden Ausgaben des Reiches, ohne nennenswerteSchuldentilgung, auf 17 bis 17y 2 Milliarden Mark nicht über-trieben.