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II. Das finanzpolitische Problem.
Außerordentliche Lagen erfordern außerordentliche Mittel. Diefinanzielle Belastung, die Krieg, Friedensvertrag und Revolution überuns gebracht haben, ist mit der Finanzpolitik der Vorkriegszeit nichtzu bewältigen. Mit den alten Mitteln ist ein öffentlicher Finanz-bedarf, der die Hälfte und mehr des gesamten Volkseinkommensumfaßt, nicht zu decken.
Aber auch die deutsche Wirtschaft kann nicht wiederin die Höhe gebracht werden, wenn sie für unabsehbare Zeiteine solche Belastung tragen soll. Der Trieb zur schaf-fenden Arbeit, der unter den Einwirkungen von Krieg und Re-volution erschlafft ist, mußi neu belebt werden; das ist die erste Vor-aussetzung für eine Erholung und Gesundung unseres wirtschaft-lichen und sozialen Lebens. Der Trieb zur schaffenden Arbeit wirdaber unter den stärksten Druck 1 gesetzt, wenn für unabsehbare Zeitein so großer Teil des Arbeitsertrags in der einen oder anderen Forman die öffentlichen Gewalten abgegeben werden muß; und dieserDrück wird erhöht durch die Vorstellung, daß. ein großer Teil, javoraussichtlich der größere Teil dieser Abgaben vom Reich inForm 1 von Zinsen und Tilgungsquoteni an die Gläubiger des Reichswieder ausgeschüttet wird. Deshalb ist der Gedanke einer ein-maligen Ab bürdung eines ansehnlichen Teils derKriegslasten durchaus berechtigt.
Diese Abbürdung darf nicht erfolgen — darüber be-steht wohl bei allen, die nicht auf die Zerstörung von Staatund Wirtschaft ausgehen, volle Uebereinstimmung — im Wegedes Staatsbankerotts, das heißt im Wege der völligenoder teilweisen Einstellung der Zahlungen des Reichs undder Staaten auf die von ihnen übernommenen Verpflichtungen, wieRenten, Pensionen, Zinszahlungen auf Anleihen. Eine solche Ab-