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Soll Deutschland seine Goldwährung aufgeben? / von F. Thorwart
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Herrschaft der Goldwährung. Es ist dies eine nicht abzuleugnende erfreu-liche Thatsache: jeder Industriezweig, die Landwirtschaft, ja selbst die Haus-haltungen liefern dafür Beweise. Anderseits wissen wir auch aus hundert-fachen Erfahrungen, daß an einer allgemeinen Preissteigerung die auffesten Preisen begründeten Einkommen, die Gehalte, die Pensionen undzumal die Vergütungen für persönliche Dienstleistungen, also die Arbeits-löhne langsamer und in geringerem Maße als alle anderen Preiseteilnehmen. Dies ist ein Vorteil für den Unternehmer, ein Nachteilfür den Arbeiter. Geld mit verringerter Kaufkraft erhöht den Gewinndes ersteren, verteuert aber gleichzeitig die Lebensbedürfnisse des letzteren.Um das Mißverhältnis zwischen stärker steigenden Preisen auf demWarenmarkte und den mit dieser Steigerung nicht schritthaltendenArbeitslöhnen auszugleichen, wird es unaufhörlicher Lohnkümpfe be-dürfen, die in ihrer Erbitterung und Ausdehnung die heutigen Strikesweit hinter sich lassen werden. In richtiger Erkenntnis dessen wollenauch unsere Arbeiter vom Bimetallismus nichts wissen; ihnen ist zurGenüge bekannt, daß die höchsten Löhne in Europa in dem Gold-währungslande England gezahlt werden, die niedrigsten in den Län-dern, die unter Papierwährung seufzen, in Italien, in Österreich , inRußland . Wahrlich, man muß eine sehr geringe Meinung von derEinsicht der Arbeiter haben, wenn man glaubt, ihnen die wirtschaft-lichen Zustände in den Ländern mit schlechtem Gelde als erstrebenswertesZiel vor Augen führen zu können!

Wenn man aber diese üble Wirkung auf den Arbeitslohn nichtzugeben will, so ist überhaupt nicht einzusehen, worin denn der Nutzender Produzenten bestehen soll. Würden bei Einführung von Geld mitgeringerer Kaufkraft thatsächlich alle Preise gleichzeitig steigen, so müßteauch der Produzent für alles, was er seinerseits kauft, davon betroffenwerden, also teurer produzieren und teurer leben; er würde also wahr-scheinlich gar keinen Nutzen davon haben. Denn die wenigsten Gegenstände,welche der Mensch braucht, verfertigt er mit eigener Hand; die weitausmeisten Artikel seines täglichen Bedarfs muß er v-m Dritten erwerben..

Nach der anfänglichen Preiserhöhung wirkt zudem jedes Übermaßminderwertiger uneinlösbarer Umlaufsmittel doppelt schädlich auf die ge-sammte Volkswirtschaft und alle Staaten, die das Unglück hatten, in Münz-wirren zu geraten, haben bisher gezeigt, daß ihnen, um wieder zu geordnetenMünzzuständen zu kommen, kein Opfer zu groß war. Begreiflich genug,denn eine solche Überflutung von Münzzeichen erschwert den Verkehrmit dem Ausland auf das Empfindlichste, wirft jede Kalkulation derProduktionskosten um, erhöht die Schwankungen der Konjunktur indas Ungemessene, bewirkt eine ungesunde Ausdehnung der Produktionund führt schließlich zu Überspekulation und zu Krisen. So kannuns die Erinnerung an die französische Assignatenwirtschaft, an diePapiergeldwirren in Italien, in Österreich, in Rußland und in Nord-amerika nach dem Sezessionskriege gewiß nicht zur Nachahmung verlocken.Aber der Geschichte gegenüber gleichen die Bimetallisten und Agrarier