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Das Buch von der Ehe / Francesco Barbaro.
(Deutsch von Percy Gothein)
Entstehung
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VON DER WAHL DER EHEFRAU

alt geworden, gerade zu richten? Wer wird glauben, daß der Mageneines mit alexandrinischen Leckerbissen aufgezogenen Knaben seineLebensweise ändern und das Leben eines ganz genügsamen Alten führenwird? Wer mag den im Alter gesittet wähnen, an dessen Jugend erFrechheit, Geilheit, Dreistigkeit und Grausamkeit hört und sieht ? So istkaum zu hoffen, daß Witwen, die irgend an einem untragbaren Ge-bresten kranken, genesen und sich in unsre Lebensart schicken. Aus-gezeichnet war es deshalb, wenn Timotheus , der gefeierte Flötenspieler,zwiefache Bezahlung denen abzufordern pflegte, die er von andernLehrern dieser Kunst bereits unterrichtet übernahm, einfache aber denen,die ihm unausgebildet übergeben wurden; denn es schien, wenn dieeinen zu lernen hatten, so die andern erst zu verlernen, um dann denUnterricht zu beginnen 45 . Dazu kommt noch jene Regel, die durch denBrauch erprobt und tief aus der Natur hergeleitet ist. Es sagen uns näm-lich die, welche die verborgenen Ursachen der Dinge durchforschen, daßdie Natur von sich aus immer, was das beste sei, anstrebe, daß sie, sofernsie ein Männliches nicht bilden könne, ein Weibliches erzeuge, das durchBei Wirkung jenes geadelt und vollendet wird 45a . Deshalb lieben dieFrauen von allen jene Männer am meisten, denen sie in erster Ver-einigung zugesellt wurden. Wozu dies? Weil eine Jungfrau leichterunsre Sitte anlegen, ihre verkehrten ablegen und leidenschaftlicher liebenwird. Somit konnte die Witwenehe bei den Römern, bei denen auch dieScheidung gestattet war, dem Vorwurf der Leichtfertigkeit und Scham-losigkeit nicht entgehen. Die sie nämlich mit einem einzigen Manne sichbegnügen sahen, beschenkten sie mit dem Kranz der Sittsamkeit. Auchbrachten sie nicht die Frauen um ihr Lob, welche den dem ersten Mannegeweihten Sinn auch dem Toten in unverbrüchlicher Treue fromm undunversehrt bewahrten. Wer sollte die nicht mit gutem Recht wegen ihrerUnenthaltsamkeit verurteilen, deren Gier von mehreren Männern nichtermüdet werden konnte ? Wer wird nicht mit höchster Freude die nochkeusche Dido bewundern und ihre Worte:

Der als erster mich an sich gebunden, er nahm meine liebeMit sich hinweg, er soll sie besitzen und bergen im grabe 48 .Das darf niemanden wundernehmen, verharren doch Krähen und Turtel-tauben 47 von der Natur aus, der besten Führerin gemäß, nach dem Tode