IV VON WELCHER GESTALT
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ihn mit kurzen Worten auch schön zu bilden, diesen Zug der Schönheitbeigefügt ?
Anditz und schultern dem gotte geähnelt- es hatte die mutterPrächtiges haupthaar dem söhne auch purpurne leuchte der jugendUnd in die äugen gegeben den anhauch freudiger ehre 68 .Glaub mir, Lorenzo, hätte Mars die Venus geschoren gesehen, so wärejene Hitze, von der der kriegerische Gott geplagt wurde, alsbald ver-flogen, so daß er niemals durch die Künste des Vulkan verstrickt wordenwäre. Diesem besagten Liebreiz schreibt ein gewisser Mitbürger vondir 69 , den ich ehrenhalber nicht nenne, die einzige oder wenigstens einesehr große Rolle für die Gattin zu. So wenig ich aber diesen ganzenGegenstand um sein Lob betrügen will, so wenig kann ich ihm denobersten Rang zubilügen. So groß ist allerdings seine Macht, daß sie allerVölker Sieger besiegt hat und noch besiegt. Jupiter sogar, durch dieStimmen der Dichter als Vater der Menschen und Götter bezeichnet,nahm die Gestalt des Regens, des Schwans und wie oft mancherlei anderean, um die Schönheit zu genießen, von der er überwunden war 70 . Vonden übrigen Göttern, die sich das Heidentum gemacht hat und über die,wie Anacreon bezeugt, jener blinde Knabe triumphiert, schweige ichjetzt. Daß viele auch allein um hoher Schönheit willen für unsterblich ge-halten wurden, ist uns das Altertum Zeuge. Deshalb verschmähte Paris Asiens Herrschaft und Schlachtensieg, um Helena zu erlangen, von derer als der Schönsten vernommen, da er erschaute, wie Juno, Minerva undVenus — die hehrsten Göttinnen nach seiner Entscheidung — mitgrößtem Eifer um die Würde des Liebreizes stritten. So ist es auch dasHöchste und Herrlichste, wenn die Gestalt selbst als etwas Göttlichesund größter Ehren Würdiges erscheint. Wer ist so jedes Menschentumsbar, daß selbst der Liebreiz ihn nicht berührt ? Alle lieben irgendwie dieSchönen, halten sie der Herrschaft für wert und gehorchen ihnen bereit-williger. Nicht unpassend also sagt der kundigste Seher Vergil :
Kommt die tugend in schönem leibe so hilft sie ihm holder 71 .So wenig es nämlich eine bessere Tugend ist, ich weiß nicht, irgend-wie ist sie doch willkommener. Starke, Weise, Gerechte, wenn sieunschön sind, scheut die Menge eher, als daß sie sie liebt. Daher pflegtePlato anmutig den Xenokrates, der einen sonderbar ungestalten Körper
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