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VON DER WAHL DER EHEFRAU
hatte, zu mahnen, er solle häufig den Grazien Opfer bringen 72 , denn seineWeisheit, mit Häßlichkeit der Glieder gepaart, war den meisten un-angenehm, nicht gar vielen an sich lieb. Doch wohin will dies alles ? Daßwir lieber mit schönen Gattinnen leben; für die ja viele haben sterbenwollen! Doch führe ich das nicht auf die Lüste zurück, welche an einemgroßen und ernsten Geist wie Fluten am Felsen abprallen, sondern ichmeine, es gehöre zur Kindererzeugung und zu fröhlicher Gemeinschaftvon Leben und Lebensart. Das hat bei Vergil weise die Juno verkündet,da sie durch Aussicht auf Wohltat solchermaßen den Aeolus zu überredenstrebt:
Zweimal sieben sind mein von nymphen schimmernden leibes.Welche von ihnen die schönste an wuchs ist: DeiopeiaFüg ich zu dauerndem bunde mit dir und widme sie eigensBei dir zu weilen die fülle der jähre für solche VerdiensteUnd dich dann zum vater zu machen der schönen geburten 73 .An dieser Stelle läßt sich leicht ersehen, wird die Fabel nicht einemTauben erzählt, wozu wir eine schöne Gemahlin hoch werten sollen.Ich fühle, daß ich im Eifer der Rede länger verweile, als die Sache selbervielleicht erfordert, daher wende ich mich zurück und komme näher zuunserem Vorhaben.
Obwohl oben so viel von mir über die Schönheit geschrieben ist, möchteich es doch so aufgefaßt wissen, daß ich sie am höchsten schätze, wennsie sich mit edlen Sitten und sonstigen Stützen verbindet; von ihnen ge-trennt aber möchte ich sie keineswegs loben. Denn wie mit Stroh leichtein Feuer entzündet wird, aber auch leicht ausgeht, wenn ihm nicht längervorhaltende Nahrung geboten wird, so verlischt die am Äußeren desLeibes entfachte Liebe zwischen Gatte und Gattin bald wieder, wenn sienicht von löblicher Geistigkeit, geordneten Sitten und unsträflichemLebenswandel genährt wird. Als der Olympias gemeldet wurde, eineraus der königlichen Umgebung habe ein Weib genommen, das sehrschön von Ansehen, aber weniger günstigen Rufes sein sollte, da sagtesie: Hätte dieser Jüngling öfter mit klugen Männern gesprochen, dieälter sind als er, statt nur mit sich selbst, so hätte er wahrlich nicht mitden Augen gefreit 74 . Hat nämlich diese Anmut der Gestalt nicht festeund ausgeprägte Anzeichen redlichen Wesens an sich, dann ist sie keines