VI VON DEN GRÜNDEN DIE REGEL ZU ÄNDERN
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alle seien Lorenzos 88 , denen, da sie ganz bevorzugt sind durch Gaben desGeistes, des Körpers und durch Glücksgüter, Gattinnen jeder Art undjeden Ranges angeboten werden. Diesen glaubte ich aber durch dasObengesagte eine ausreichende Antwort gegeben zu haben, weil ich dasmir wichtiger Erscheinende an früherer Stelle, das übrige aber hernachvorgetragen habe. Doch begegnen mannigfache Gründe, sei es der Zeit,der Notwendigkeit oder der Gelegenheit, derentwegen wir, wie es ge-lehrten Männern dünkt, eine Abänderung der Vorschriften zugestehen.Die Zeit nämlich, wie weise den Tolmides Perikles mahnte, sollen wirals klügsten Ratgeber befragen 89 . Denn wie die Freier der Penelope, dasie am Umgang mit ihr verzweifelten, gerne und eifrig sich zu ihrenMägden gesellten 90 , so werden wir, wenn wir die in jedem Stücke vor-trefflichste Frau nicht haben können, uns die mögliche nehmen, die wirje nach unserer Würde bekommen können. Ziemt es sich doch nicht, dieKnäblein nachzuahmen, die unter lautem Lachen der Zuschauer sich dieStiefel der Eltern anschnüren. So werden verdientermaßen diejenigenlächerlich erscheinen, die selbst dürftig und verachtet sind und eifrigsteine Frau suchen, an der man kein Teilchen des vollkommensten undhöchsten Preises vermißt. Ich lasse also nicht ab, zu warnen, daß sie nichtzum allgemeinen Gelächter den äsopischen Kamelen gleichsehen. Alsdiese in der Versammlung der Tiere Hirschgeweihe begehrten, wurdenihnen beinahe die Ohren abgerissen, den anderen eine Lehre, daß sie zu-frieden in ihren Grenzen bleiben sollten 91 . Daher mögen, je nach denKräften, die jungen Leute die Gattin wählen. Zur Genüge kann fremderSchaden sie warnen: sie sollen sich hüten, andern zum Beispiel zuwerden. Deshalb erachten wir jenes alte Wort in vielen anderen Dingenfür sehr nützlich, hier besonders für heilsam: Gleich und gleich geselltsich gern! Denn was ist ausgleichender, bequemer und leichter, als eingleichartiges Weib sich zu nehmen 92 ? Denen aber stimme ich keineswegszu, denen nichts gleichmäßiger scheint als die Ungleichheit selbst. Nachdiesem ist an die Sitten zu denken, denen wir stets die erste Rolle zu-weisen in dieser Sache. Denn mag einer auch ihr Schutzgeist alles außerder Tugend oder der Eignung zu guten Sitten zugebilligt haben, somöchte ich sie deswegen doch nicht besonders loben. Als Demosthenes, der große Redner, gefragt wurde, was das Erste in der Beredsamkeit sei,