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VON DER WAHL DER EHEFRAU
antwortete er: der Vortrag. Eben diesen setzte er auch an zweiter Stelleund an dritter, so daß er leichtlich erklärte, diesem vor allem andern ge-stehe er die Palme der Überredung zu. Hinzu kommt als gewichtigerZeuge Hortensius , der, im übrigen vielen unterlegen, nahezu alle,wie man glaubte, beim Reden übertraf 93 . Was Demosthenes in derRedekunst dem Vortrag, das möchten wir in der Ehe eben der Tugendzuerkennen. Daher wollen wir der Sitten, die wir an erster Stelle setzten,von allem am meisten achten, da ohne sie die Heirat nicht recht gut-geheißen werden kann. Unter ihnen wird vor allem die Willfährigkeitund Freundlichkeit betrachtet werden, damit kein Raum ist für Ärger-nisse und Scheidung, kurz für die Göttin Viriplaca 94 . Ein Römer ver-stieß seine adlige, reiche und schöne Gattin. Darauf bei allen außer-ordentliches Verwundern und Beklagen. Da er nun seine Entscheidunganerkannt wissen wollte, streckte er seinen Schuh hin und sagte: Der istschön anzusehen und neu, wo er mich aber drückt, das merkt keineraußer mir 94a .
Die Mitgift also, den Stammbaum und die Schönheit sollten, so wünschteich, die Ehemänner nicht so hoch werten wie Tugend und Lenksamkeitdes Sinnes bei der Frau, der nichts teurer sein soll als der Wille desMannes 95 . Wenn aber die Jungfrau die durch Adel bewährte Sitte hütet,werden wir weniger nach dem Zauber der Reize fragen. Sokrates mahntedie Jünglinge, sie sollten sich im Spiegel betrachten; so würden sie,wenn sie sich ungestalt erblickten, durch gute Art schön und annehmlichwerden, wenn aber wohlgestaltet, sollten sie sich hüten, daß sie die Gabeder Natur nicht durch ihre Ausschweifungen zugrunde richteten 96 . So zuhandeln, rede ich auch den Verlobten zu. Haben sie eine weniger wohl-gestalte Braut bekommen, so sollte diese durch Jugend, Sittsamkeit undAdel ihnen ohne Widerrede für schön genug gelten. Sie mögen derMeinung des Gorgias beitreten, auf dessen Rat man den Ruf der Gattin,nicht den Reiz ihrer Gestalt erkunden soll 97 . Ist sie überdies noch an-ziehend, dann mag man sie um so lieber haben. Zeichnet sie sich sonstaus, ist aber niederen Standes oder wenig vermögend, so wird man nachdem Beispiel des vortrefflichsten Königs Agamemnon die Heirat nichtablehnen. Der zog die Gefangene Chryseis der Jupiter-Tochter Cly-taemnestra vor, weil er sie dieser an Wuchs, Antlitz, Klugheit und in