II VON DER LIEBE
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erscheinen möchte ? Welch großen Scharfsinn, wie vielerlei Künste be-dürfen unerfahrene Ärzte, Reiter oder Kithara- Spieler, wenn sie erpichtdarauf sind, in den Dingen, worin sie am wenigsten vermögen, denanderen überlegen zu scheinen. Meistenteils kommt vieles dazwischen,wodurch erschwindelter Ruhm in der Ackerbaukunde, der Heilkunst,der Reitfertigkeit, der Musik sich verflüchtigt. Wenn solche Leutemeines Rates sich bedienen wollten, würden sie sich leichter, rascher undsicherer festen und gegründeten Ruhm erwerben, als wenn sie Leute vor-schieben, um ehrsüchtigen und geschminkten Ruf auszuposaunen. Undda in jeder Gattung die Wahrheit über Nachahmung siegt, wird einerdafür sorgen, mit Kunst und Übung den Acker fleißig zu bebauen, derMenschen Krankheit zu heilen, feurige Pferde, wohin er will, zu lenken,anzutreiben und zurückzurufen und die Leute mit Gesang so zu be-zaubern, daß es für die Ohren nichts Erfreulicheres, nichts Linderes gibt.Wenn deshalb die Frauen den Anschein zu erwecken wünschen, siehebten ihre Gatten von ganzer Seele, so mögen sie sie wirklich vonHerzen heben.
Sie mögen vor allem trachten, daß die Gatten davon durchdrungen sind,sie seien je nach deren wechselnden Stunden einmal bekümmert, dannwieder froh. Denn unter günstigen Umständen ist ein Glückwunsch er-freulich, unter widrigen ein Trostspruch erwünscht. Alles, was irgendmit Sorge sie selbst bedrückt, sofern es des Ohres eines klugen Manneswürdig ist, sollen sie ihm mitteilen, nichts erdichten, nichts verheim-lichen, nichts verdecken. Oftmals wird Beklemmung und seelische Notdurch Beratung und Zwiesprache, die ihr mit dem Manne am süßestensein muß, erleichtert. Sie wird gleichsam alle Stacheln und Steinchen denKümmernissen, die sie mit ihm gemeinsam teilt und trägt, benehmenoder sie doch erleichtern. Mögen sie auch äußerst drückend gewesen undtief eingesenkt sein, werden sie doch so lang zur Ruhe kommen, als ver-stattet ist, vertrauensvoll mit dem Gatten zu seufzen. Möchten sie dennso mit ihren Männern leben und gewissermaßen ihre Herzen vermischenund womöglich — wie Pythagoras in der Freundschaft will — eines auszweien werden 18 . Damit dies um so leichter bewirkt werde, erlauben dieKreter, die schon viele Jahrhunderte unter unserer Herrschaft stehen,ihren Töchtern, keine Männer zu heiraten, mit denen sie nicht schon als