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VON DER PFLICHT DER EHEFRAU
länger ist, so wird sie doch durch ihre Hoheit, Neuheit und Buntheit dirund denen, die dies zur Hand nehmen werden, angenehm sein. Vonihrer außerordentlichen Tat wollen wir ein wenig weiter ausholend be-ginnen. Sinatus und Sinorix waren einander durch Verwandtschaft ver-bunden und übertrafen unwidersprochen die übrigen VierfürstenGalliens 12 * an Macht, Ansehen und Ruhm. Von ihnen nahm Sinatus dieCamma zum Weibe, die nicht allein durch Schönheit des Leibes, sondernauch durch ausgezeichnete Tugend eine der Ersten war. Mit Keuschheit,Redlichkeit, Klugheit und hohem Sinn begabt, hatte sie aller Herzen inerstaunlicher Liebe an sich gefesselt. Noch berühmter machte sie dasPriesteramt der Diana, die die Galher vorzüglich verehrten und dem sienach eigener und der Vorfahren Würde vorstand, denn bei der Opfer-handlung war sie immer prächtig geschmückt und zog aller Augen aufsich. In sie verhebte sich Sinorix zunächst, dann sinnt er auf den Mordihres Gatten, seines Verwandten, da er verzweifeln mußte, bei dessenLeben seiner Lust frönen zu können. Den arglosen Sinatus also über-mannt der Ruchlose und vor großer Liebe Verblendete heimlich mit demSchwerte . Bald danach fordert er stürmisch die Ehe mit Camma, die denTod des Gatten mit tapferem Sinn ertrug, Gelegenheit und Zeit aber, dieruchlose Tat des Sinorix zu rächen, heftig ersehnte und klug ersah.Sinorix dringt auf Vollziehung der verhängnisvollen Heirat und legtehrenhafte Gründe für seine Verirrung dar (wenn wir das für ehrenhafthalten könnten, was mit höchstem Frevel befleckt ist). Seine Bitten weistCamma anfangs zurück, dann dringen die Verwandten, um den mäch-tigen Fürsten dauernd an sich zu fesseln, heftiger in sie, sie solle sich zueiner Ehe mit ihm verstehen. Da, gleichsam besiegt, verspricht sie es zutun. Sie nimmt den herbeigerufenen Jüngling freundlich auf, betritt zu-sammen mit ihm den Tempel der Diana, damit durch Zeugenschaft dergallischen Göttin Bund und Treue gefestigt werde. Dann empfängt siein den Händen eine Schale, wie um zu kosten, berührt zuerst mit derLippen äußerstem Rande und gibt das übrige zum Austrinken demSinorix. Es war aber in der Schale ein Honigtrunk mit Gift gemischt.Sowie sie nun gesehen, daß Sinorix diese geleert hatte, bezeigt sie mitAugen, Mienen und Stirne ihre Freude, und zum Götterbilde der Dianagewandt, spricht sie also: Dich, göttliche Mutter, rufe ich als Zeugin an,