Druckschrift 
Das Buch von der Ehe / Francesco Barbaro.
(Deutsch von Percy Gothein)
Entstehung
Seite
58
Einzelbild herunterladen
 

58

VON DER PFLICHT DER EHEFRAU

ni VON DER MÄSSIGUNG

DER NOCH ÜBRIGE TEIL HANDELT VON DER MÄSSIGUNG ,durch die sehr oft eine beständige Liebe zwischen den Gatten gestiftet,immer behütet und bewahrt wird. Nicht nur den Ehemännern ist sie einehochwillkommene Zier, sondern auch allen, denen sie kund wird,scheint sie etwas Herrliches. Man hält dafür, daß sie bei der Gattin be-sonders im Antlitz, in den Gebärden, den Worten, der Kleidung, derNahrung und dem Beilager 34 ihre Stelle hat. Was wir darüber etwa ausVerstand, Lehre oder Sitte entnommen haben, wollen wir kurz anführenund dabei die beiden erstgenannten Punkte, die gleichsam einerlei Artsind, zusammen behandeln.

Vor allem soll des Geistes sicherstes Abbild, das Antlitz, das bei keinemLebewesen außer dem Menschen angetroffen wird, die Prägung einesredlichen, ehrerbietigen und enthaltsamen Sinnes offenbaren. In ihmwird die Gesinnung, die die Natur sonst tief im Innern verschlossen hat,leicht aufgedeckt. Auch ohne Rede zeigt und kündet dieses am meistenvom andern, denn am Antlitz und Gang wird der Seele Haltung ent-deckt. Auch bei stummen Tieren beobachten wir Zorn, Freude und der-gleichen Leidenschaften, an anderen Körpermerkmalen sowohl als anden Augen, die regsam bezeugen und geradezu bekennen, welcher Artdie Gemütsbewegungen sind. Daher haben viele im Vertrauen vorzüg-lich auf die Züge des Gesichtes Weisungen überliefert, wie eines jedenNatur zu erfassen sei 35 . Doch ich schweife zu sehr ab. Es gefällt also,wenn die Gattin allerwärts und jederzeit Bescheidung an den Tag legt.Das wird sie erfüllen, wenn sie im Bück, im Gange, in der Bewegung desganzen Körpers schließlich, Gleichmäßigkeit und Beständigkeit wahrt.Umherschweifen der Augen, zu hastiges Schreiten, zu starkes Bewegender Hand oder jedweden anderen Teils kann nicht ohne Beschämung vorsich gehen und ist bei starken Anzeichen von Leichtfertigkeit immer derEitelkeit gesellt. Deshalb soll sie stets den Sinn scharf darauf richten, daßStirn, Miene und Gebärde, die uns mit Merkerblick bis zu den innerstenWallungen dringen lassen, sich der Wahrung des Anstandes anpassen.Dabei werden sie durch Achtsamkeit Freude und Würde gewinnen,durch Unachtsamkeit werden sie Aufregungen und Tadel nicht ver-