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VON DER PFLICHT DER EHEFRAU
Gorgias überein, der die Frauen zu Hause eingeschlossen haben wollte,so daß man nichts von ihnen kenne als ihren Ruf. Thucydides aber glaubteihnen nicht einmal soviel zugestehen zu dürfen, denn er bezeichnet dieals beste Hausfrau, über deren Lob oder Tadel das wenigste Gerede sichverbreitet 40 . Aber wir, die wir den Mittelweg einschlagen, verkündenihnen freiere Gesetze. Sie sollen ja auch nicht wie im Gefängnis gehaltenwerden, sie mögen vielmehr so viel in die Öffentlichkeit hervorkommen,daß diese Erlaubnis, die wir ihnen geben, ein Zeugnis ihrer Tugend undZuverlässigkeit sei. Dennoch sei das Verhältnis der Gattin zum Gattenganz anders als das des Mondes zur Sonne. Dieser ist bei größter Nähezur Sonne nirgends zu sehen; ist er ihr aber fern, so wird sein hellerSchein allerorten erblickt. So möchte ich also, die Frauen kämen inAnwesenheit der Männer zum Vorschein, in deren Abwesenheit wärensie zu Hause verschlossen 41 . Dennoch mögen sie mit den Augen, derenSinn auch in der Malerei, die man schweigende Dichtung nennt 42 , derschärfste ist, und mit Winken und dem übrigen Gehaben des KörpersAnstand und Ehrbarkeit wahren. Von Antlitz und Gebärde habe ichgesprochen, nun will ich von den Worten sprechen.
IV VOM REDEN UND SCHWEIGEN
ISOKRATES ERMAHNT DIE MÄNNER, SIE SOLLEN Aus-sprechen, was sie entweder bestimmt wissen oder um ihrer Ehre willennicht verschweigen können 43 . Wir heißen die Frauen, das erstere denMännern zu überlassen, das letztere aber beiden gemein zu glauben. Beiihnen kann Schwatzhaftigkeit von den klügsten und wissendsten Men-schen nicht genug getadelt, Schweigsamkeit nicht genug empfohlenwerden. Daher ist durch jene geheiligten Einrichtungen der Römer ver-boten, daß sie bürgerliche oder öffendiche Rechtssachen führen. WennAmaesia, Afrania und Hortensia 44 davon abwichen, so werden sie dafürin den Annalen bekrittelt, mißbilligt und getadelt. Als Marcus Cato derÄltere einmal wider die Bedingung ihrer Natur und matronenhafte Zu-rückhaltung römische Frauen auf dem Forum umhergehen, Stimmen-fang treiben und mit fremden Leuten sprechen sieht, da fährt er gegensie los, dringt auf sie ein und weist sie in ihre Schranken, wie es der Ernst