Druckschrift 
Das Buch von der Ehe / Francesco Barbaro.
(Deutsch von Percy Gothein)
Entstehung
Seite
61
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IV VOM REDEN UND SCHWEIGEN

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des angesehenen Bürgers und die Hoheit jenes Reiches erforderte 45 . Vonden Pythagoräern vernahmen wir, daß ihnen auferlegt war, am Anfangnicht weniger als zwei Jahre zu schweigen, damit sie nicht schimpf-licherweise dem Falschen, der Täuschung und dem Irrtum unterlegenschienen oder allzu hartnäckig verteidigten, was sie selbst noch nicht zu-verlässig begriffen hatten 46 . Wir aber setzen den Frauen Zeit und Dauerdes Schweigens für immer, wo nur für Leichtfertigkeit, Schimpf undSchamlosigkeit ein Zugang offen stehen könnte. Angesprochen sollensie ihren Nächsten mit Züchten antworten, den Gruß erwidern und, wasOrt und Gelegenheit bietet, so kurz streifen, daß man sie eher für ge-fordert als für fordernd hält. Sie werden sich auch Mühe geben, daß manan ihnen mehr der Rede ernste Kürze als glänzende Geläufigkeit lobe.Als eine Frau Theano einst aus zurückgeschlagenem Überwurf die Handhervorstreckte, sagte ein Jüngling zu seinen Genossen gewandt: Wieschön der Arm ist! Darauf sie zu ihm: Er ist nicht Gemeingut. Daherschickt es sich, daß nicht nur die Arme, sondern sogar die Reden derFrau kein Gemeingut seien, denn eine Frau dieser Art muß nicht minderachthaben auf ihre Stimme als auf eine Entblößung der Glieder.Wenigstens müssen sie Unterredung mit Fremden meiden, worausWesen und Gemütserregung oft leicht wahrgenommen wird 47 .Schweigen wird hochstehenden Männern häufig als Lob angerechnet.Ein hervorragendes Haupt Griechenlands, Epaminondas, erhebt Pindar ^mit den größten Lobpreisungen, weil er wenig sprach, während er vielwußte. Denn wie in den meisten anderen Dingen, so folgte er auch hierder Natur, der besten Führerin, die als Lehrmeisterin des Lebens offenangegeben hat, was sie von der Schweigsamkeit denkt. Zwei Ohrennämlich, aber nur eine Zunge und noch mit doppeltem Walle der Lippenund Zähne verwahrt, bewilligte sie uns mit großer Vernunft 49 , denn vor-nehmlich durch diesen Zugang wird uns, wie Theophrast und viele ge-lehrte Männer dartun, die Tugend eingesät und bringt die besten undansprechendsten Früchte, während durch die anderen Sinne, die uns dieNatur wie Begleiter und Boten gewährt hat, oft der Grund zur Erkennt-nis, allzuoft auch zum Unverständnis gelegt wird 50 . Einer unserer Mit-bürger 51 zwar, den dir zu nennen im Augenblick nicht gar nötig ist, lobtSchweigsamkeit nur da, wo sich weder durch Geist Lob erwerben läßt,