Druckschrift 
Das Buch von der Ehe / Francesco Barbaro.
(Deutsch von Percy Gothein)
Entstehung
Seite
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VON DER PFLICHT DER EHEFRAU

noch Ansehen durch Klugheit, noch durch gewählte Rede Gunst. Dempflege ich zu antworten: Von mir wird in jedwedem Ding die wichtigsteRolle der Person und dem Ort, dann aber auch der Zeit zugesprochen.Denn wenn ich bisweilen auch Männern als schicklich zugestehen mag,was jener will, so werde ich es dem Schamgefühl, dem Ernst und der Be-ständigkeit einer Matrone zumeist für fremd erklären. Deswegen hatSophokles , nach meiner Meinung wenigstens kein schlechterer Gewährs-mann als unser ebengenannter Mitbürger, (ein Besserer dürften allesagen) bei den Frauen die Schweigsamkeit eine besondere Zier genannt 62 .Daher mögen sie glauben, daß sie den Ruhm der Wohlredenheit erlangenwerden, wenn sie sich selbst durch den vorzüglichen Schmuck desSchweigens geadelt haben. Wünscht man doch bei ihnen nicht den Ruhmder Redeübungen oder Beifall und Lobruf einer Volksmenge, sondernberedte, gesittete und gewichtige Schweigsamkeit. Doch was treibe ich ?Ich muß mich hüten, zumal ich über das Schweigen Lehren erteile, daßich dir nicht vielleicht zu geschwätzig vorkomme.

V VON DER KLEIDUNGUND DEM ÜBRIGEN SCHMUCK

ES FOLGT, DASS WIR ÜBER DIE KLEIDUNG UND 'DIEübrige Pflege des Äußern Weisungen geben. Vernachlässigt man hierinden rechten Fug, so wird nicht nur Ehegut, sondern oft auch das Erb-gut 53 verlorengehen. Als Zeugen dienen mir alle, die hierauf achtenwollten. Wenn man aber den niemals genug gepriesenen Mittelweg ein-schlagen will, so werden die Ehefrauen ob ihrer Bescheidung anerkanntwerden und es wird für das häusliche Gut sowohl, als auf anderemWeg für das ganze Staatswesen gesorgt sein. Hier soll jene heilsameLehre an erster Stelle stehen: Die Frauen mögen eher um Schimpf zuvermeiden, als um Gunst zu suchen, die Sorge für derlei Prunk auf sichnehmen. Denn falls das Vermögen zureicht, soll eine Frau, die hohemHause entstammt, nicht ein geringes und schmutziges Kleid tragen. Diesmuß zwar, meinen wir, besonders den Umständen von Sache, Ort,Person und Zeit angepaßt werden. Wer wird ohne zu lachen einenPriester in einen Soldatenmantel gehüllt sehen können, oder in gelehrter