IX VON DER ERZIEHUNG DER KINDER
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Neigung zu denen eingeboren, die sie zur Welt gebracht hat 113 . Hierbeiaber läßt sich die ganz besondere Fürsorge und Umsicht der Natur be-obachten, denn während sie den übrigen Tieren die Zitzen unter demBauch bildete, heftete sie sie den Frauen an der Brust an, derart, daß siedie Kinder zugleich mit ihrer Milch nähren und in der Umarmung hegen,sie leicht und bequem küssen und, wie man sagt, mit der ganzen Brust aufsich nehmen können. So nämlich bestimmte sie ihnen das Amt des Ge-bärens und Aufziehens nicht als Notwendigkeit nur, sondern als einzig-artige Neigung und Liebe 114 .
Sehr überzeugend ist auch, wenn sie der Natur folgen wollen, was wirbei der Bärin, diesem finsteren und grimmigen Tier, beobachten, wie siesich bei der Zurichtung ihrer Jungen mit größter Sorgfalt abmüht.Nachdem sie den Wurf unförmig hervorgebracht, formt sie ihn mit derZunge gleichwie mit einem Werkzeug und glättet ihn so, daß man siemit bestem Recht nicht nur Gebärerin, sondern auch Bildnerin von Jun-gen nennen darf 115 . Was halten wir uns bei den Kleinen auf? So großeZärtlichkeit zu den Jungen wird in der Tat von der Natur verliehen, daßwir Tiere, die von sich aus furchtsam sind, durch sie höchst wagemutigwerden sehen, und behende, die träge waren, enthaltsamst solche, diedem Bauch oder der Kehle frönen. Duldet nicht auch jener VogelHomers, um seinen Jungen Speise zu bringen, und verkümmert sich dieLust, damit ihnen wohl sei 116 . Schweren Tadel also wird eine Mutterverdienen, wenn sie die Sorge für die Kinder gering achtet und unbe-kümmert dahinlebt. Keiner Arbeit sollten sie sich entziehen, damit siesich fürs Alter die besten Genossen, Helfer und Pfleger erwerben. Wollensie also vollkommene Mütter sein, so werden sie nicht von sich tun, diesie geboren haben, sie werden vielmehr, um für Leib und Seele der Kin-der zu sorgen, sie stillen, ihnen die Brust reichen, und welche sie, als Un-bekannte noch, mit dem eigenen Blute nährten, die werden sie jetzt auf-ziehen, da sie ans Licht getreten, da sie Menschen geworden, da sie ihnenbekannt und teuer geworden sind, da sie, soweit sie es vermögen, nichtnur den Dienst der Amme, sondern auch der Mutter von ihnen er-flehen 117 . Selbst nährte mit ihrer Milch des Censors Marcus CatoFrau ihrKind 118 , und diese Sitte dauert bei den römischen Frauen bis auf denheutigen Tag. Ja sogar, da eine gewisse Kameradschaft in Nahrung und