Druckschrift 
Das Buch von der Ehe / Francesco Barbaro.
(Deutsch von Percy Gothein)
Entstehung
Seite
78
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VON DER PFLICHT DER EHEFRAU

Speise die Neigung und Liebe wachsen läßt 119 , nahm sie bisweilen dieSöhne ihrer Sklaven an die Brust, um sie ihrem Kinde anhänglich zumachen 120 . Ihr nachzueifern mahnen und bitten wir die besten Frauen,zumal da mehr und mehr darauf ankommt, in wessen Schoß und auswessen Blut ein Kind empfangen und genährt worden ist, denn keineErnährung ist offensichtlich geeigneter und heilsamer, als wenn dasgleiche Blut, das von Hauch und Wärme am stärksten erhitzt war, denNeugeborenen als ein bekannter und vertrauter Lebensstoff dargebotenwird. Es hat solche Macht, daß es zur Bildung der Eigenschaften vonLeib und Seele am nächsten an die Kraft des Samens heranreicht. Dasist an vielen Dingen klar wahrzunehmen. Böckchen, die mit Schafmilchgenährt werden, bekommen ein merklich weicheres Fell, dagegen istgewiß, daß bei Lämmern die Wolle härter wird, wenn sie von Ziegengesäugt werden. Daß bei Bäumen die Feuchtigkeit und die Scholle fastgrößere Macht hat als der Samen, ist bekannt; unter diesen wirst dufruchtbare und belaubte Bäume finden, die, wenn sie in den Schoßanderer Erde verpflanzt werden, durch den Saft des schlechteren Nähr-bodens sich gänzlich ändern 121 . Edle Frauen sollen also alles daran setzen,ihre Kinder selbst zu stillen, damit diese nicht durch den Nährstoff derschlechteren und minderwertigen Milch entarten. Wenn aber die Mütter,was häufig vorkommt, aus gerechtfertigten Gründen nicht imstandesind, die Kinder aufzuziehen, so sollen sie darauf denken, nicht Mägdeoder auswärtige, trunksüchtige oder unzüchtige Ammen anzunehmenund an die eigene Stelle zu setzen, sondern freigeborene und wohl-gesittete und mit feiner Sprache begabte, damit das zarte Kind nicht vonverdorbenen Sitten und Reden durchtränkt und, da es schon mit derMilch Schändlichkeit, Verirrungen und unsaubere Krankheiten einsaugt,von verderblicher Ansteckung befallen wird 122 . Denn wie bei kleinen Kin-dern die Glieder noch leicht gerade geformt und zurecht gerückt werdenkönnen, so soll von Beginn des Lebens an die Gesinnung geziemendund ebenmäßig gebildet werden. In der Wahl der Ammen sollen siealso recht sorgfältig sein. Dieses Alter, dieses Gemüt, weich wie es nochist, ist am leichtesten zu bilden; denn wie wir in schmiegsames Wachsdas Siegel drücken, so pflegen in Knaben die Leidenschaften und Krank-heiten der Amme ausgeprägt zu werden. Wie nachhaltig deren Geist