IX VON DER ERZIEHUNG DER KINDER
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und Natur ist, bezeigt der wissendste Dichter Maro, wenn er die Dido,da sie den Aeneas nicht nur hart, sondern eisern nennt, sagen läßt:
Tigerkatzen Hyrkaniens reichten dir ihre brüste 123 .Ebenso klagt der liebliche Dichter Theokrit den grimmen Cupido an,den er verwünscht: Er sei nicht von der Venus geboren, sondern aneiner Löwin Brüsten habe er gesaugt 124 .
Deshalb mögen sie es für richtiger, ehrenvoller, löblicher halten, ihreKinder selbst zu stillen, und sie dann mit höchster Liebe, Treue und Ge-wissenhaftigkeit nähren, oder diesen Teil ihrer Pflichten wohlbestelltenAmmen anvertrauen, die — nicht mit erlogenem und käuf lichem Eifer —sie pflegen und Heben. Haben sie das erste Kindesalter überschritten,so sollen die Mütter Scharfsinn, Sorge und Mühe daran setzen, daß siesich an Gaben des Geistes und Körpers hervortun. Zuerst sollen sie dieEhrfurcht lehren vor Gott dem Unsterblichen selbst, vor dem Vater-land und vor den Eltern, damit sie diese, die aller Tugenden Grundfesteist, von den ersten Jahren an sich zu kosten gewöhnen. Nur zur bestenHoffnung werden Anlaß geben, die Gott fürchten, den Gesetzen ge-horchen, die Eltern ehren, gegen Ältere ehrerbietig, mit Altersgenossenumgänglich, Jüngeren gegenüber menschlich sind. Allen sollen sie dahermit Antlitz, Stirn und Worten freundlich begegnen, mit den Besten aberam vertrautesten umgehen. Mäßigkeit in Speise und Trank sollen sie solernen, daß fürs künftige Leben der Grund gleichsam zu aller Enthalt-samkeit gelegt sei. Jene Lüste mahne man sie zu fliehen, die irgend mitSchimpf bedecken. Beim Lernen mögen sie Sinnen und Denken auf dasrichten, was ihnen Ehre, Nutzen und Freude einbringt, wenn sie größergeworden sind. Kann die Erzeugerin ihren Söhnen hierin den erstenUnterricht geben, so wird sie den Kindern weit besser und leichter beider Wissenschaft Beistand leisten. Oft sehen wir, daß Geheiße undGeschenke von Fürsten an die Ihrigen willkommen sind, während diegleichen, wenn sie aus der Hand gewöhnlicher Leute fließen, kaum an-nehmlich erscheinen. Wer weiß nicht, wie große Geltung für die Kinderauch blutlose und nüchterne Reden des Vaters an sich tragen ? Deshalbunterrichtete jener weise Mann, Cato der Ältere , um es seinen Kinderngegenüber an der Vaterpflicht nicht fehlen zu lassen, neben vielem an-deren sie auch sorgfältig im Schreiben 125 . Auch Eurydice, eine Barbarin,