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Die finanzielle Seite des russisch-japanischen Krieges
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1031
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Die sinauziclle Seite des russisch -japanische» Krieges.

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I.

Die beiden kriegführenden Mächte, Rußland und Japan , weisen in ihrerwirtschaftlichen und finanziellen Entwicklung während der letzten Jahrzehnte in wichtigenPunkten gleichartige Züge auf. Beide haben vor noch nicht allznlanger Zeit außerhalbdes westeuropäischen Kulturkreises gestanden, in beiden beruhte die wirtschaftliche Tätig-keit so gut wie ansschließlich auf rein agrarischer Grundlage, und in beiden herrschteeine mittelalterliche Naturalwirtschaft. In den sechziger Jahren wurden in Rußland durch die Reformen Alexanders II., in Japan durch die Beseitigung der Shogunats-Regierung und dieRestauration" die Grundlagen geschaffen, auf denen sich unter demEinfluß der Technik und wirtschaftlichen Organisation Westeuropas eine gewaltigeUmwälzung von Staat und Volkswirtschaft vollzog. Die Naturalwirtschaft wurde inraschem Tempo durch die Geldwirtschaft verdrängt, Industrien nach dem westeuropäischenVorbild wurden ins Leben gerufen, die Eisenbahnen hielten ihren Einzug, der Handelmit dem Ausland, gegen das man sich früher abgesperrt hatte, nahm einen raschwachsenden Umfang an, die Staatsfinanzen wurden nach westeuropäischem Musterorganisiert, die Ergiebigkeit der Besteuerung wurde aufs höchste angespannt, und darüberhinaus wurde der Kredit der kapitalreicheren Nationen Westeuropas zur Beschaffungder Mittel für die gewaltig anwachsenden Staatsausgaben herangezogen. In beidenStaaten wurde, nachdem die Überspannung ihrer finanziellen Kraft und zeitweise eineschlechte Finanzwirtschaft zu einer Zerrüttung des Geldwesens und des Staatskreditsgeführt hatte, durch eine mit bewundernswerter Planmäßigkeit und Konsequenz durch-geführte Finanzpolitik der Staatskredit wieder hergestellt und als Abschluß dieserPolitik in der zweiten Hälfte der 90er Jahre die Geldverfassung auf dem Boden derGoldwährung, dem Geldsystem der westlichen Länder, reorganisiert, um dem eigenenKredit und den Handels- und Finanzbeziehungen zu jenen Ländern für die Dauer einestabile Grundlage zu geben.

Auch eine wichtige Triebfeder für diese von der Regierung gewollten und gegennicht unerhebliche Widerstände im Volke selbst durchgesetzten Umwälzungen war hierwie dort gleichartiger Natur: die Erkenntnis des in dem Eingang angedeuteten Zn-sammenhangs zwischen der finanziellen und militärischen Leistungsfähigkeit. BeideStaaten konnten sich der Wahrnehmung nicht verschließen, welche gewaltige Überlegenheitden westeuropäischen Staaten für ihre Armeen und Flotten aus ihrer Technik undihrer wirtschaftlichen und finanziellen Organisation erwachsen mußte. Aus Gründeuder Selbsterhaltung war Japan gezwungen, in seiner Kriegsrüstung einen gewaltigenVorsprung nachzuholen, und Nußland sah sich zum mindesten genötigt, mit seineneuropäischen Nachbarn Schritt zu halten. Das war nur möglich unter dem Aufwandkolossaler Geldsummen, wie sie ein Land mit Naturalwirtschaft, einer so gut wie aus-schließlich Ackerbau treibenden Bevölkerung, ohne moderne Verkehrsmittel und ohne einezielbewußte Finanzwirtschaft unmöglich aufzubringen vermag.

Für Rußland gab in erster Linie der Krim -Krieg den Anstoß für die moderneEntwicklung.") Was Japan anlangt, so ist allbekannt, welche Bedeutung für die wirt-

*)Selten hat ein Krieg so sehr als Kulturträger gewirkt, wie der Krimkrieg! denn erwachte die Eisenbahnen zur strategischen Notwendigkeit, gegen welche sich die konservative Regierung

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