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Geldgeber fürchten müssen, daß sie an dem Kurs der von ihnen ansgeliehenenoder in Unternehmungen investierten Kapitalien mehr verlieren, als ihnen anZins oder Unternehmergewinn in Aussicht steht, lassen sie sich zu solchen In-vestierungen überhaupt nicht oder nur zu sehr viel härteren Bedingungen herbei. Inder Tat hat die im Verlauf der Währungsreform durchgeführte Festlegung desRubelkurses die Wirkung gehabt, daß in der zweiten Hälfte der Wer Jahre desvorigen Jahrhunderts ein enormer Zufluß privater Kapitalien aus dem Auslandenach dem russischen Reiche zur Jnvestiernng in industriellen und anderen Unter-nehmungen stattfand.
Für die Staatsfinanzen war ein analoger Gesichtspunkt von ausschlaggebenderBedeutung. Der russische Staat konnte im Ausland Anleihen, die auf Papierrubellauteten, entweder überhaupt nicht unterbringen oder nur zu einem Zinssatz, der fürden ausländischen Gläubiger das Risiko der Schwankungen des Rubelkurses einiger-maßen deckte. Diese Tatsache war der Grund dafür, daß Rußland in den west-europäischen Staaten so gut wie ausschließlich Goldanleihen zur Begebung brachte,aber für diese hatte der Staat selbst das volle Valutarisiko zu tragen. Für denDienst dieser Goldanleihen hatte der russische Staat Jahr für Jahr einen bestimmtenBetrag in Goldgeld bereitzustellen, während die Einnahmen des Staates in Papier-rubeln eingingen. Je niedriger der Kurs des Rubels war, desto mehr Rubel ivarenzur Beschaffung des Anleiheerfordernisses aufzuwenden, und ein desto größerer Teil derStaatseinnahmen wurde durch den Anleihedienst absorbiert. Bei der Größe derrussischen Goldverpflichtungen bedeutete ein Rückgang des Rubelkurses um Pfennigefür die russischen Finanzen einen Mehraufwand von Millionen. Schon in Friedens-zeiten erschwerten mithin die Valutaschwankungen eine zutreffende Veranschlagung derAusgaben und damit die ordnungsmäßige Führung des Staatshaushalts. Besondersfühlbar machen mußten sich aber diese Nachteile der Papierwährung in Zeiten politischerBeunruhigung oder gar im Kriegsfall, also zu Zeiten, in denen die sich aus demValutarückgaug ergebende Mehrbelastung des Staatshaushalts ganz besonders un-erwünscht und bedenklich ist. Der oben erwähnte scharfe Kursrückgang des Rubels imJahre 1887 und noch mehr die starke Entwertung der russischen Valuta, die währenddes russisch -türkischen Krieges in den 7ver Jahren des vorigen Jahrhunderts ein-getreten war, hatten klar genug gezeigt, welche Beeinträchtigung eine Papierwährunggerade für die finanzielle Kriegsbereitschaft bedeutet: die Aufrechterhaltung des Dienstesder alten Anleihen ivird erschwert und damit der Staatskredit in Frage gestellt indem Augenblick, in dem der Staat sich genötigt sieht, mit neuen großen Kreditansprüchenan den Geldmarkt heranzutreten.
Aber die Erschwerung der Aufnahme von Anleihen im kritischen Moment istnicht der einzige Punkt der Schwäche in der finanziellen Kriegsbereitschaft, den diePapierwährung mit sich bringt. Es kommt vielmehr hinzu, daß ein metallischer Geld-umlauf und die metallische Dectuug der etwa ausgegebenen Noten in sich selbst eineaußerordentlich wichtige Reserve gerade für den Kriegsfall bedeuten. Auf Grunddieser metallischen Reserve kann zunächst zugunsten des Staates die Ausgabe papiernerZahlungsmittel innerhalb gewisser Grenzen ohne Gefährdung der Valuta gesteigertwerden, während dort, wo eine Papierwährung besteht, jede Neuausgabe von Papiergeld
Marine-Rundschau. 1904. 10. Hest. 68