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Rente unmittelbar vor dein Kriegsausbruch bis auf 96 und dann bis Ende April aufwenig über 92 gesenkt. Die bloße Tatsache, daß Rußland mit einer neuen großenAnleihe an den Markt herantrat, mußte den Kurs der russischen Staatspapiere nochweiter drücken. Diesen Verhältnissen hatte Rußland Rechnung zu tragen.
Die russische Finanzverwaltung sträubte sich nicht, dem französischen Bank-konsortium, mit dem sie im April Verhandlungen über die Aufnahme einer Anleiheeinleitete, den durch die Verhältnisse gebotenen Zinssatz zu bewilligen und ihm außer-dem die durch das mit der Begebung der Anleihe verbundene Risiko gerechtfertigtenVorteile zuzugestehen. Ein solches Anpassen an die Verhältnisse des Marktes und einweites Entgegenkommen gegenüber den für die Unterbringung einer Anleihe unent-behrlichen Finanzinstituten gehört zu den Traditionen der russischen Finanzpolitik, diees mit dieser Praxis verstanden hat, sich um den Preis momentaner Opfer dauerndeVorteile zu sichern. Das in der „Neuen freien Presse" vom 6. Mai 1904 wieder-gegebene Urteil des Leiters eines Londoner Welthauses, die russische Regierung seidie einzige, die es verstehe, mit den Banken in ganz großem Stil 'zu arbeiten, istnicht vereinzelt.
Anderseits war die russische Finanzverwaltung nicht gewillt, sich die Zahlungdes durch die Ungunst der augenblicklichen Verhältnisse bedingten hohen Zinsfußes füreine lange Reihe von Jahren aufzuerlegen. Zu diesem für die Kontrahierung einerkurzfristigen Anleihe sprechenden Gesichtspunkt kam hinzu, daß die russische Regierungnach Möglichkeit verhindern mußte, daß die neue Anleihe lediglich zu einem Austauschder alten gegen die neuen Titres führe. Die Gefahr lag nahe, daß die Besitzer deralten niedriger verzinslichen russischen Schuldverschreibungen suchen würden, sich dieserzu entäußern, um die neuen höher verzinslichen Papiere zu kaufen. Ein solcher Aus-tausch hätte sich natürlich nicht ohne einen starken Druck auf den Kurs der russischen Werte und ohne eine nachhaltige Schädigung des russischen Kredits vollziehen können.In gewissem Umfang konnte dieser Gefahr gleichfalls durch die Ausgabe einer kurz-fristigen, nach wenigen Jahren zu Pari zurückzahlbaren Anleihe vorgebeugt werden;denn solche kurzfristigen Schatzanweisunzen können infolge der nahe bevorstehendenRückzahlung zu 100 auch bei einer erheblichen Besserung der Kreditverhältnisse desschuldnerischen Staates nicht wesentlich über die Parität hinaus steigen. Wenn sie miteiner den augenblicklichen Umständen angemessenen Verzinsung ausgestattet und zueinem nahe an die Parität herankommenden Kurs auf den Markt gebracht werden,können ihre Erwerber nicht auf eine Kurssteigerung rechnen, wie sie für die langfristigenAnleihen nach der Wiederherstellung des Friedens mit einiger Sicherheit zu erwartenist. Die Besitzer alter russischer Anleihen würden sich mithin, wenn sie diese zumZweck der Erwerbung von neuen Schatzanweisungen verkaufen würden, der Hoffnungbegeben, die an den ersteren seit dem Kriegsausbruch erlittenen Kursverluste durch einespätere Kurssteigerung wieder einzubringen.
Diese Erwägungen haben die russische Finanzverwaltung bestimmt, von derAufnahme einer langfristigen Anleihe abzusehen und die benötigten Mittel durch dieAusgabe von kurzfristigen Schatzscheinen aufzubringen, deren spätere Ersetzung durcheine langfristige Anleihe in Aussicht genommen wurde. (Ukas vom 30. Aprils13. Mai) 1904).