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der Retchspolitik aus dem Hinterhalt überfallen. Dagegen muß ichhervorheben, daß — so unglaublich es klingt — Herr Erzbc»gar sei-nen Vorstoß im Bunde mit dem Leiter der österreichischen Politikunternommen hat.
Graf Czernin selbst hat in einer Rede, die er am4t. Dezember vorigen Jahres zur Rechtfertigung feiner Politikgehalten hat und die damals in dem durch seine revolutionärenSorgen beschäftigten Deutschland nicht die gebührende Beachtunggefunden hat, über diesen Punkt ausgeführt:
„Einer meiner Freunde hatte auf mein Ersuchen mehrere Unter-redungen mit den Herren Südekum (dem jetzigen preußischenFinanzminister, damals stellvertretender Vorsitzender des Hauptaus-schusses des Reichstages) und Erzberger und bestärkte sie durchmeine Schilderung unserer Lage in ihren Bestrebungen zur Erreichungder bekannten Friedensresolution. Es war auf Grund dieser Schilde-rung, daß die beiden genannten Herren die Reichtagsresolution füreinen Verständigungsfrieden durchsetzten, jene Resolution, welche soviel Hohn und Spott von selten der Alldeutschen und anderer Ele-mente geerntet hat. Ich hoffte damals einen Augenblick, im deut-schen Reichstag einen dauernden und kräftigen Verbündeten gegendie Eroberungspkäne der Militärs zu finden."
Es ist wichtig, diesen österreichischen Einschlag der Friedens-resolution festzuhalten und ihn in den Zusammenhang der öster-reichischen Kriegspolitik einzustellen. Oesterreich-Ungarnwar in unserem Bündnis der weitaus schwächere Teil. Es brauchteunsere militärische und finanzielle Hilfe; es brauchte sogar zeit-weise unsere Unterstützung mit Brotgetreide, und es brauchte vorallem eine fortgesetzte moralische Rückenstärkung durch Deutschland, 'letzteres namentlich seit dem Regierungsantritt des KaisersKarl. Ja es brauchte seit jenem Thronwechsel die größte Wach-samkeit von unserer Seite; denn der junge und schwache Kaiserstand in politischen Dingen offenkundig unter der Einwirkung sei-ner klugen, aber klerikalen Einflüssen zugänglichen und zu Frank-reich hinneigenden Gemahlin aus dem Hause Bouirbon-Parma.
Wie notwendig gegenüber Oesterreich-Ungarn die äußerste Vor-sicht geworden war, dafür ist ein schlagender Beweis der Briefdes Kaisers Karl an seinen Schwager, den Prinzen Sixtus»on Parma. Die Echtheit des von Herrn Clemenceau imApril 1917 im Verlauf einer Polemik mit dem Grafen Czernin veröffentlichten Briefes ist zwar damals von Wien aus mit den stärk-sten Worten bestritten worden; aber alles, was seither über dieseAffaire weiter bekannt geworden ist, gestattet kaum mehr einenZweifel. Die entscheidende Stelle in diesem Brief war das Ersu-chen an den Prinzen, „g e b e i m und inoffiziell HerrnPoincare, dem Präsidentender f r a nzösischenRepublik, mitzuteilen, daß ich mit allen Mit-