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Die Baumwollfrage : ein weltwirtschaftliches Problem / von Helfferich
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Die Baumwollsrage.

oder gar verhängnisvolle Wirkungen dieser Veränderungen nach Möglichkeit sicher-zustellen. Ferner muß jeder Staat, der auf seine wirtschaftliche Zukunft bedacht ist, seinmöglichstes tun, um seine Machtstellung innerhalb der Weltwirtschaft zu befestigen undauf diese Weise bei den fremden Staaten für seine Produktion und seinen Handelmöglichst günstige Bedingungen zu erlangen. In diesem Zusammenhange haben fürunsere europäischen Länder Besitzungen in überseeischen Gebieten eine ganz besondereBedeutung. In dem Kampfe um die Absatzbedingungen haben zweifellos diejenigenStaaten die stärkste Machtstellung, welche in den unter ihrer Hoheit stehendenTerritorien über die vielgestaltigsten Produktions- und Absatzmöglichkeiten verfügen.Die Produktionsmöglichkeiten der europäischen Länder selbst sind beschränkt durchihr Klima, das die Gewinnung wichtiger Genußmittel und Rohstoffe ausschließt; zurErgänzung ihrer Produktionsmöglichkeiten sind sie auf die Erwerbung nnd dieEntwicklung von Kolonien in anderen Zonen angewiesen, und diese Kolonien erfüllenihre wirtschaftliche Aufgabe um so vollkommener, je mehr sie durch ihre eigeneProduktion und Aufnahmefähigkeit für das Mutterland einen Rückhalt in dem Kampfeum die Absatzbedingungen bilden. Man kann diese von den Freihändlern der altenSchule verkannte Bedeutuug leistungsfähiger Kolonien als Stütze für die weltwirtschaft-liche Machtstellung des Mutterlandes und als Rüstzeug im Kampfe um die inter-nationalen Handelsbedingungen klar vor Augen sehen, ohne daß man deshalb sich zuder Ansicht zu bekennen braucht, daß der Kolonialbesitz am besten nutzbar gemachtwerde durch den zollpolitischen Zusammenschluß mit dem Mutterlande und diegemeinsame Absperrung nach außen hin. Denn konsequent durchgedacht würde einsolches System nicht die Ausnutzung der Kolonien zur Erlangung möglichst günstigerHandelsbedingungen im gesamten Weltverkehr darstellen, sondern im Gegenteil einSichzurückziehen auf die eigenen Territorien unter Verzicht auf den Verkehr mitfremden Gebieten. Unter diesem Gesichtswinkel ist es mindestens sehr zweifelhaft,ob nicht dieses System selbst für die größte Kolonialmacht der Welt von über-wiegendem Nachteil wäre, ob nicht dasgrößere Britannien" der Imperialisten inWirklichkeit gegenüber der heutigen Weltstellung Englands ein kleineres Britanniensein würde.

Aber diese weitausschauenden Erwägungen können hier, wo es sich darumhandelt, an der Bedeutung eines einzelnen Stapelartikels die Gestaltung der Macht-verhältnisse in den weltwirtschaftlichen Beziehungen der einzelnen Länder klarzulegen,nicht weiter verfolgt werden. Wir kehren vielmehr zurück zu unserm praktischen Falleund untersuchen zunächst, wie speziell bei der Baumwolle die weltwirtschaftlichen Ver-hältnisse gelagert sind, und welche Entwicklungstendenzen sich hier zeigen.

II.

Die Baumwollproduktion der Erde, soweit sie für den Handel in Betrachtkommt, beträgt heute etwa 15 bis 16 Millionen Ballen jährlich. Davon entfallenallein etwa 10 bis 11 Millionen Ballen auf die Vereinigten Staaten von Amerika ,2,5 bis 3 Millionen Ballen auf Ostindien, 1 bis 1,3 Millionen Ballen auf Ägypten