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zösische Regierung folgende Darstellung (Zirkularnote der fran-zösischen Regierung, vom 1. August, Gelbbuch No. 120):
Oesterreich-Ungarn hat sich endlich bereit finden lassen, mitRussland den Inhalt seines Ultimatums an Serbien materiell zu dis-kutieren. Russland ist bereit, auf Grund des englischen Vorschlagsin Verhandlungen einzutreten („le Gouvernement russe est prêt àentrer en négociation sur la base de la proposition anglaise").Unglücklicherweise werden diese Aussichten auf eine friedlicheLösung durch das Ultimatum Deutschlands vernichtet, das von Russ-land die Demobilisation fordert. Das Ultimatum ist ungerechtfer-tigt, da Russland den englischen Vorschlag, der eine Einstellungder militärischen Vorbereitungen einschliesst, angenommen hat(„puisque la Russie a accepté la proposition anglaise qui impliqueun arrêt des préparatifs militaires de toutes les Puissances").Deutschlands Haltung beweist, dass es den Krieg will.
Leichteren Herzens kann werdende Geschichte wohl nicht ge-fälscht werden.
Richtig ist allerdings, dass Oesterreich-Ungarn sich nachgiebigzeigte und damit alle Berechtigung gab, auf die Erhaltung desFriedens zu hoffen. Aber die französische Zirkularnote verschweigt,dass diese Nachgiebigkeit auf Deutschlands Einwirkung zurück-zuführen ist; der französische Minister des Aeussern hatte sogar dieStirn, am 4. August vor der Deputiertenkammer zu erklären, Deutsch-land habe sich — vom 24. Juli an bis zu seinem am 31. Juli unterdem Vorwand (!) der von Russland angeordneten allgemeinen Mobil-machung gestellten Ultimatum — durch keinerlei positive Handlungan den Friedensbemühungen des Dreiverbandes beteiligt (GelbbuchNo. 159).
Falsch ist, dass Russland den englischen Vorschlag, der dieEinstellung der militärischen Vorbereitungen bei allen Mächten ent-halten habe, angenommen und damit dem deutschen Ultimatum imvoraus die Berechtigung entzogen habe. Zunächst enthielt derenglische Vorschlag, der oben angeführt ist (Blaubuch No. 103),nicht die Bedingung der Einstellung aller militärischen Vorberei-tungen, sondern Sir Edward Grey hatte lediglich die ernste Hoff-nung ausgesprochen, dass bei Annahme seines Vorschlags die mili-tärischen Vorbereitungen von allen Seiten eingestellt würden. Fer-ner hat Russland den englischen Vorschlag nicht angenommen,weder vor noch nach der Ueberreichung des deutschen Ultimatums ;die Zirkularnote Vivianis (Gelbbuch No. 120), die in ihrem Absatz 5die vollzogene Annahme des englischen Vorschlags behauptet, sagtselbst in ihrem Absatz 4, die russische Regierung sei „pret à entreren négociation sur la base de la proposition anglaise", und zwischender Annahme eines Vorschlags und der Bereitschaft auf dessen