— 14 —
laut ihrer eigenen Dokumente als eine Friedenshoffnung mit grosseiGenugtuung begrüssten, gänzlich überraschend kam. Beweis dafür:Am 31. Juli, um 7 Uhr abends, sprach der deutsche Botschafter inParis bei dem französischen Ministerpräsidenten und Minister desAuswärtigen, Herrn Viviani, vor, um ihm mitzuteilen, dass Deutsch-land durch die allgemeine russische Mobilmachung gezwungenworden sei, den Zustand der drohenden Kriegsgefahr zu prokla-mieren und an Russland die Forderung der Demobilisation zu stellen.Darauf hat Herr Viviani geantwortet, „er sei über die angeblicheMobilisation der russischen Armee und Marine in keiner Weiseunterrichtet" («nullement renseigné sur une prétendue mobilisationtotale de l'armée et de la flotte russes") (Gelbbuch No. 117). Auchder englische Botschafter in Paris berichtete noch am späten Abenddes 31. Juli an das Foreign Office, dass seinem Kollegen Iswolsky nicht das mindeste von einer allgemeinen russischen Mobilmachungbekannt sei (Blaubuch No. 117).
Wenn also die von Russland angegebenen Gründe für die plötz-liche allgemeine Mobilmachung lediglich durchsichtige Vorwändewaren, und wenn Russland die folgenschwere Massnahme, ohneEngland und Frankreich auch nur zu informieren, in demjenigenMoment über das Knie gebrochen hat, in welchem ein aussichts-voller englischer Vermittlungsvorschlag unterbreitet worden warund die von Deutschland erreichte Nachgiebigkeit Oesterreich-Ungarns die akute Kriegsgefahr beseitigen musste, so bleibt hierfürnur eine Erklärung:
Die in jenem Augenblick in Russland entscheidendenPersönlichkeiten wollten angesichts der auf deutsches Be-treiben zutage tretenden Nachgiebigkeit der österreichisch-ungarischen Regierung alle Brücken zum Frieden abbrechenund den Krieg unvermeidlich machen.
Wenn diese auf der Hand liegende Schlussfolgerung noch einerBestätigung bedürfte, so wird ihr diese zuteil durch das VerhaltenRusslands nach der Ueberreichung des deutschen Ultimatums.
Während Deutschland , das bisher die russische Mobilmachungals Kriegsfall bezeichnet hatte, sich zunächst damit begnügte, denZustand der drohenden Kriegsgefahr, der noch nicht gleichbedeutendmit Mobilmachung ist, zu proklamieren, und der russischen Regie-rung 12 Stunden (ablaufend am 1. August mittags) Zeit Hess, umihre Mobilmachung rückgängig zu machen, hat Russland den deut-schen Botschafter ohne jede Antwort gelassen, auch nicht irgendeinen Versuch gemacht, durch Vermittlung Dritter das Aeussersteabzuwenden, dagegen in der Nacht vom 1. zum 2. August an dreiStellen der preussischen Grenze die Feindseligkeiten eröffnet.
Gegenüber diesem unbestreitbaren Sachverhalt wagt die fran-