ALTERTUM UND HUMANISMUS
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anzusehen. Da aber schon übergenug gestritten worden ist und man mitallgemeinen Reden über die Renaissance ihrer Vielgestaltigkeit wegen,wie oben angedeutet, nicht weiterkommt, so hilft nichts, als am Einzel-fall zu untersuchen,welchen Anteil das Altertum und welchen das Christen-tum haben.
Dafür ist gerade Barbaro nicht ungeeignet, denn in seinem Leben scheidensich die genannten Einflüsse auch zeitlich, weil die christliche Welle ihnerst später erreicht und er in seiner ersten Zeit eine reine humanistischePrägung aufweist. In welchen Zeitpunkt der Entwicklung und Ausbrei-tung des Humanismus fällt nun das Auftreten Francesco Barbaros ? Beider geistigen Bewegung im XIV./XV. Jahrhundert können wir zweiAnläufe des Humanismus unterscheiden, die für die folgenden Jahrzehntebestimmend bleiben. Am Beginn steht Petrarca, der den lateinischenHumanismus einleitet. Diese Linie setzt sich ununterbrochen durchJahrhunderte fort und wird durch viele Gelehrte der Folgezeit ver-tieft und verbreitert. Mit dem XV. Jahrhundert beginnt aber ein neuerZustrom durch die byzantinischen Gelehrten, an ihrer Spitze ManuelChrysoloras, seit dessen Zeit wir in Italien vom griechischen Humanis-mus sprechen können. Von dieser zweiten Welle wird Francesco Bar-baro getragen.
Der von Staats wegen beauftragte Geschichtsschreiber Venedigs, Marc-Antonius Sabellicus (1436— 1506), hat einen interessanten kleinen Dialoggeschrieben: DE LATINAE LINGUAE REPARATIONE, der uns Aufschlußgibt, wie man sich die geistige Entwicklung der damaligen Gegen-wart dachte. Sabellicus lehnt das unbillige Verwerfen aller Leistungender Gegenwart ebenso ab, wie das vergebliche Seufzen nach der ent-schwundenen Pracht des Altertumes. Mit einigem Stolze sagt er: «DenSchatten und den wahren Namen der Latinität haben wir gerade nochbehalten 4 .» Über dieses Thema unterreden sich Baptista Guarino, derSohn des Veronesers, Ermolao Barbaro , der Enkel des Francesco, einKirchenfürst, der sich als Philologe einen Namen gemacht hat.Sabellicus gibt eine Art üteraturgeschichtlicher Überschau über diejüngste Vergangenheit der humanistischen Bestrebungen Italiens ; erbildet hier wohl das berühmte XU. Buch Quintiüans nach, wo einerömische Literaturgeschichte gegeben wird. Der Barbarenansturm der