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IV DE RE UXORIA
Dann ruft er seinem Freunde zu: «Wie denn, mein Lieber, bist du etwagelehrter als Cato, mächtiger als König Philipp ?» Euripides und Herodot treten auf und legen Zeugnis -wider die Frauen ab. Fürwahr, dies sindalles sehr gewichtige Stimmen des Altertumes, die zu Ungunsten von Eheund Frauen sprechen und an denen Francesco Barbaro nicht ganz vor-beisehen konnte, wenn er auch mit ihren Ansichten durchaus nicht über-einstimmte. Zumal die Herodot -Stelle, die auch Hugo bringt, tastetezu rücksichtslos und deutlich den Charakter der Frauen im ganzen an,als daß sie Francesco in seinem Werke über die Ehe verschweigen konnte.Es verdrießt ihn gewaltig, bei Plutarch zu lesen, daß Herodot gesagthabe: Mit dem Hemd zieht das Weib auch die Scham aus.Dieser Ausspruch scheint jahrhundertelang ein geflügeltes Wort gewesen zu seinund er wurde, wie es häufig solchen Schlagworten ergeht, über den ursprünglichenSinn, den ihm sein Erfinder gab, verallgemeinert. Herodot braucht ihn in der Er-zählung von Kandaules und Gyges '. Der in die Schönheit seines Weibes vernarrteKönig Kandaules prahlt von ihr vor dem Hauptmann seiner Leibwache, Gyges , undin seiner Verblendung befiehlt er ihm, sie in ihrem Schlafgemache zu belauschen, wennsie sich auszöge. Gyges ruft entsetzt aus: Herr, was für ein heilloses Wort sagst du mitdem Befehl, ich solle meine Herrin nackt schauen! 5(ia 8s yix&vi sxouojjlevu) auvsx-Büetcu v.al tt]V odSöi ydv-(] (mit dem ausgezogenen Chiton legt die Frau auch die Schamab). Mit seinem Ausspruche also will Herodot den Gyges nur sagen lassen: Wenn derMann die Schamhaftigkeit seiner Frau so weit verletzt, daß er sie nackt und ohnedaß sie es weiß einem andern zeigt, und sie dies merkt, dann brechen bei ihr alleHemmungen der Scheu und sie trachtet ihrem Gemahl sogar nach dem Leben.Nachdem das Wort durch viele Münder gegangen war, schien es zubesagen: Alle Frauen sind schamlos, sobald sie kein Gewand mehranhaben. Dieselbe Warnung auch bei Hugo von Sankt Viktor: FrancescoBarbaro jedoch, dem es um den sicheren Aufbau des Lebens der Familieinnerhalb des Staates zu tun ist, fühlt den Boden unter seinem Bauwanken, wenn er sich auf die Tüchtigkeit der Frau nicht mehr verlassenkann, er ruft unmutig aus: «Das glauben wir gerne, wenn es sich umHurenjäger handelt; bei Männern aber, wenn sie auf mich hören wollen,werden die Frauen stets das Ziemliche wahren 8 !»
Immerhin kam aus dem Altertum ein breiter Strom von Ehefeind-schaft, den die chrisdichen Schriftsteller bis ins Mittelalter zur Unter-stützung ihrer mönchischen Askese gerne weiterleiteten. Neben diephilosophisch-heidnischen Stimmen stellte Hugo auch noch das Zeugnis