DIE CHRISTLICHEN ANSICHTEN ÜBER DIE FRAUEN 67
der heiligen und göttlichen Gestalten des Christentums, und auch vondieser zweiten Überlieferung weicht Barbaro als erster in entscheidenderWeise ab. Hugo führt seinem jungen Freunde vor Augen, daß auchnach der Heiligen Schrift der Verkehr mit den Weibern und die Flei-scheslust selbst in der Ehe verwünscht seien. Causa mali mulier, initiumculpae, fomes peccati (das Weib der Grund des Übels, der Urbeginnder Schuld, der Herd der Sünde), lautet sein Urteil, das die weltlicheFrau aus der geistig-geistlichen Welt von Mönchen fortweist. Francesco bedarf der Ehe als eines starken, nicht eines morschen Pfeilers für denLebensbau seines staatlichen Menschen. So muß er auch diese ehe- undfrauenfeindliche christliche Tradition verwerfen. Für ihn als gläubigenChristen kommt aber ein Gegensatz oder gar Abfall von den Lehrender Kirche nicht in Betracht; so sucht er seinen Standpunkt in aller Ehr-erbietigkeit mit der christlichen Tradition in dieser Frage in Überein-stimmung zu bringen, obwohl die beiden Haltungen geradezu entgegen-gesetzt sind. Es ist das Verdienst des Francesco Barbaro , daß er mitseiner Schrift De re uxoria einer neuen Eheauffassung zum Durchbruchverholfen hat. Die Kirche hat dieser Strömung nachgegeben und sich dievom Laiengeiste ausgehende Höherwertung der Ehe zu eigen gemacht.Wenn heute der sakramentale Charakter der Ehe von der katholischenKirche besonders betont wird, wenn der Papst verkündet, daß Ehe undFamilienerziehung die Grundpfeiler der Kirche seien, so ist das in denzwei Jahrtausenden der christlichen Ära nicht immer die maßgebendeAnsicht gewesen und konnte es nicht sein, solange in der Kirche dieAskese der Mönche das Übergewicht hatte.
Barbaro setzt sich gleich anfangs mit den überlieferten christlichenLehren auseinander und kommt dann im ganzen Buch nicht mehrdarauf zurück. «Es ist also die Ehe des Mannes mit seiner Gattin dieimmerwährende Verbindung, die um der Erzeugung der Nachkommen-schaft oder um der Vermeidung des Ehebruches willen rechtmäßig ein-gesetzt ist 9 .» Schon in dieser Definition der Ehe vereinigen sich zweiSchichten: die natürliche: coniunctio procreandae subolis und die sitt-liche : vel vitandae fornicationis causa. Das ist christlich gedacht.
DieQuelle, auf die Francesco zurückgeht, ist Augustinus: de eono conjügali 10 , der sich•wiederum auf Matth. xix,9 u gründet: Ich sage euch aber: Wer sich von seinem Weibe