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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA

sehr schwere Belagerung bevorstand. Wohin aber die Venezianer drangen,dahin brachten sie den inneren Frieden. Für Francesco Barbaro galt esgleich zwei Fehden zu beschwichtigen. Der einflußreiche Pietro Avvo-gadro, der die Venezianer früher bei ihrer Besetzung von Brescia unter-stützte, hatte sich seit langem mit zwei den Venezianern ebenso wich-tigen Männern und ihrem Anhang überworfen. Das Haupt einer derangesehensten Brescianer Familien, Leonardo Martinengo, zeigte sichunversöhnlich, und neuerdings war zwischen ihnen wegen eines Brunnensder offne Streit ausgebrochen. Auch Herr Paris von Lodrone, der überdie jede Zufuhr sperrenden nördlichen Alpentäler gebot, war dem Avvo-gadro feind. Barbaro gewann sich durch Leutseligkeit erst alle zumFreund,und dann war es nicht schwer, sie untereinander auszusöhnen. So machteer von vorneherein die Hoffnungen des Feindes zuschanden, der bei derUneinigkeit der Stadt leichtes Spiel zu haben glaubte. Im MailänderArchiv der Visconti liegt ein Aktenstück, in dem sich am 16. Juni, alsonoch vor dem Eintreffen Barbaros in Brescia , der Herzog Filippo Mariaberichten läßt, daß die Venezianer nur den Pietro Avvogadro begün-stigten, worüber die Gegenpartei empört sei 11 .

Nachdem Barbaro sogleich zu Anfang die streitenden Parteien befriedetund besänftigt hatte, war die Ruhe in der Stadt ein für allemal hergestellt.Nur ein einziges Mal während der Belagerung drohte von anderen Schich-ten her ein Bürgerzwist auszubrechen, den Barbaro jedoch durch seineGeistesgegenwart sofort niederschlug. Bei einer Streiterei wurde voneinem Söldner ein Müllerknecht erstochen. Ein gewisser Balducciogeriet darüber in Zorn und wiegelte das Volk auf, daß es sich unter seinerFührung Genugtuung verschaffen solle. Barbaro hört den Tumult vondem Markte, geht sofort hin und stößt vor San Domienico auf den auf-geregten Balduccio mit dem Volkshaufen. Es wird ihm erklärt, daß Bal-duccio Rache an jenem Totschläger nehmen wolle. Da wirft er sich denaufgeregten Massen entgegen und herrscht sie an, er werde es auf keinenFall an Gerechtigkeit fehlen lassen, auch wenn er gegen einen die Todes-strafe verhängen müsse, der einen Bürger verletze. Ihm sei die Sorgevom Senate übertragen worden, daß er Freiheit und Gesundheit derBürgerschaft nicht minder hoch halte als sein eignes Leben. «(Warumdu, Balduccio, dir dieses Amt der Behörde anmaßest, verstehe ich nicht;