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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA

daß sie nicht so sehr mit Hilfe von menschlichem Ratschluß,als vielmehrder göttlichen Religion ihr Reich wahren und mehren könnten.» In derSicherheit, die fromme Überlieferung verleiht, fährt er fort:«Seit unseremund der Väter Gedenken sehen wir daher oft, daß den Folgern Gottes allesglücklich gedeiht, seinen Verächtern aber widrig.» Zu den ehrwürdigenalten Sitten gehöre es, daß die obersten Beamten von den überirdischenSchirmherren der Stadt beschenkt und geschmückt würden. Durch dieGabe «sollen sie inne werden, daß für die Verteidigung der Kirche nichtnur ewiger Lohn gesetzt ist, sondern höchste Auszeichnung zu erwartensteht». In Vorausahnung dessen, was kommen wird, und mit dem stillenGelöbnis, sich, wenn es not tut, selbst zu opfern, deutet Barbaro auf dasVorbild der Heiligen, die bei gefährlicher Bestürmung der Stadt durchdie Heiden einstmals als Märtyrer mit ihrem Opfertod die Rettung brach-ten. Zuversichtlich nimmt er den Spruch des Predigers auf, der ihm inder Kirche eben das Bibelwort (121. Psalm) zugerufen hat: Am Tage ver-brenne uns nicht die Sonne noch der Mond in der Nacht, und er schließtmit dem Gelöbnis, er wolle sich mühen, daß die Heiligen die Ehren-spende ihm mit gutem Recht verliehen hätten 16 .

Vor der Einschließung der Stadt versuchte Barbaro zunächst die kirch-lichen und religiösen Verhältnisse der von ihm betreuten Bürgerschaftzu ordnen, zumal der berufene kirchliche Oberhirte, der Bischof Fran-cesco de Marerio, in der Not bei seinen Städtern nicht ausharrte, sondernes vorzog, in Rom zu bleiben. Das verdroß die Brescianer so sehr, daßsie ihn nach der Befreiung nicht mehr haben wollten 17 , ihm seine reichenPfründen sperrten und trotz hoher Fürsprache lieber päpstliche Un-gnade auf sich nahmen und, der Empfehlung Barbaros folgend, dessenFreund Pietro del Monte als Bischof verlangten (dieser hatte bisher diewichtige Stellung eines päpstlichen Kollektors des Peterspfennigs in Eng-land eingenommen 18 ). Die Brescianer waren also in schwerer Zeit ihresOberhirten beraubt, und Barbaro dachte daran, um ihre Zuversicht wieauch ihre Moral zu heben, ihnen wenigstens einen zeitweiligen Ersatz2u bieten. In glühender Erinnerung standen ihm noch die Predigten desheiligen Bernhardin von Siena zu Treviso ; er selbst hatte von ihnen einendauernden Eindruck behalten, und auf die zerknirschten Bürger übtensie, wenigstens für eine Zeitlang, eine sittigende Wirkung aus. Barbaro