Druckschrift 
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
203
Einzelbild herunterladen
 

VERSUCH ALBERTO ALS PREDIGER ZU GEWINNEN 203

wendet sich nun an den ihm näherstehenden Alberto da Sarteano , um ihnals Fastenprediger einzuladen. Bei diesem Anlaß findet er warme Worteder Verbundenheit zu seinen Schützlingen. Er Hebte diese Leute wieeigne Kinder und Glieder seines Körpers, Teile seiner Seele, undmöchte sich dadurch bestens um sie verdient machen, daß er ihnenAlberto als Lehrer gebe. Er habe zwar, seit er in die Provinz ge-kommen, alles für sie Dienliche und für ihre Feinde Abträgliche ge-tan, aber wenn ihn jetzt noch Alberto mit seiner Predigt unterstütze,dann werde er sich um sie nicht nur große Verdienste, sondern auchein ewiges Gedächtnis schaffen. Merkwürdig ist der Ton des Briefes,weil er sich ganz an den ehemaligen Humanisten und nicht an dengegenwärtigen Prediger, der die früheren Ansichten weitgehend ab-geschworen hatte, wendet. Barbaro zitiert in seinem Briefe zahlloseHeiden, zum Beleg, wie man durch Kriegs- und Friedenstaten irdischenRuhm erwerbe. Die eigentliche Aufgabe Albertos soll aber sein, dersittlichen Verwahrlosung der Bürger und namentlich ihrer Kinder Ein-halt zu tun. Geiz und Luxuria macht Barbaro als die häßlichsten Herrennamhaft, die über die Brescianer Gewalt haben. Er wünscht, daß seinVolk, in Waffen mutig und wild, durch den Seelensänftiger im Gemützum Gleichmaß komme. Das blieb nur ein Wunsch. Obwohl der Amts-genosse Barbaros, der Podestä Donato, ihm ebenfalls schrieb, j a ihn sogarmit einer ganzen Reihe von Briefen überschüttete, antwortet Alberto,er dürfe wegen der Ordensdisziplin nicht festlegen, wann er käme. Balddarauf ist in der belagerten Stadt von diesem seelischen Ausgleich nichtmehr die Rede; man muß jetzt sein nacktes Leben verteidigen. Als achtJahre später Alberto endlich auch für die Brescianer Zeit findet, erinnert ersich der Worte Barbaros: die schwere Drangsal der Belagerung hatte densittlichen Stand der Brescianer nicht gehoben; die Übriggebliebenenwaren eher roher und gewalttätiger gegeneinander geworden, und Albertohat eine große Mühe, die verwahrlosten Seelen wieder zu reinigen 19 .Einstweilen geht es draußen im Krieg den Venezianern schlechter undschlechter; von der Grenzstellung gegen Mailand am Oglio werden dieTruppen zurückgedrängt. Giustiniani schiebt in dem schon erwähntenBrief alles auf die Feigheit der Söldner. Dazu kommt noch, wie bald offen-bar wurde, die UnZuverlässigkeit des Oberfeldherrn. Die Signorie ordnet