Druckschrift 
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
201
Einzelbild herunterladen
 

DIE HEILIGEN VON BRESCIA : GIOVITA UND FAUSTINUS 201

tief nieder; er kann sich heftig über die Säumigkeit der Staatslenker be-schweren aber in der Not überwindet er nicht nur schlechte Stimmung,sondern sogar seine Krankheit, und steht fest auf seinem Posten.Darüber kam das Jahr 1438, das Jahr der Bewährung für Barbaro. Esbeginnt mit einer bedeutsamen Festlichkeit, einem symbolischen Gelöb-nis zwischen der Stadt, ihrem irdischen und ihren himmlischen Führern.In Italien haben sich, wie man weiß, manche heidnisch-antiken Kulte inkaum abweichender Form die christliche Zeit hindurch erhalten. DieNamen wechselten, der Kern blieb gleich. Kastor und Pollux , dasBrüder- und Kämpferpaar, wurden im Altertum besonders als Helfer inder Not verehrt. Wo wir, wie am Forum zu Rom , christliche Kirchenfinden, die einem Heiligenpaar geweiht sind, kann man auf eine darunter-liegende antike Kultstätte des Kastor und Pollux schließen, an derenStelle die beiden Heiligen getreten sind. Die Schutzheiligen der StadtBrescia sind die hl. Giovita e Faustinus. In der Not des Sturmes auf dieStadt erscheinen sie hoch zu Pferde in goldner Ritterrüstung schirmendauf der Stadtmauer; die Brescianer selbst haben sie nicht gesehen,aber die Feinde sind von ihnen zurückgeschreckt worden, und der mai-ländische Generalissimus Piccinino soll ausgerufen haben: Iocombattocontra i fanti non contra i santi! (Gegen Soldaten kämpfe ich, nicht gegenHeilige!) Diese Legende erzählte man zehn Jahre später, als der staats-männische Schüler und ehrfurchtsvolle Freund Barbaros, Lodovico Fos-carini, als Kommandant Brescias sein Nachfolger geworden war 15 , derdie Stadt gegen erneute Belagerung zu verteidigen hatte, und Trostdaraus schöpfte. Am 15. Februar war also das Fest der beiden Heiligen,das Anno 1438 im Angesicht der großen heraufziehenden Not besondersinbrünstig begangen wurde. Nach altem Brauch überreichte man inder Kirche dem Kommandanten, der die Stadt schützen sollte, einen«pilleus», einen Ehrenhut, worauf dieser zum Dank eine Ansprache andie Gemeinde der Bürger hielt. Uns beschäftigen vor allem die Gedanken,die das uralte Fest in ihm weckt, wie sich hier Irdisches und Überirdischesin seinem gegenwärtigen Amte verknüpft. Er erinnert sich, daß vonjeher alle Lenker eines wohlgegründeten Staatswesens Heil, Freiheit undWürde des Staates mit der ihm eigentümlichen Religion verbanden.«Daherbemühten sich erhabene Könige und große Fürsten stets zu ihrem Ruhme,