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Mit dem Entschluß Gattamelatas, abzurücken, allein war es nicht ge-tan, man mußte auch Weg und Zeitpunkt so günstig wie möglichwählen. Die Hauptstraße am Südende des Gardasees entlang war vomFeind gesperrt, desgleichen die Zufahrtswege von Süden. Nur nachNorden war dem Heere die Möglichkeit gegeben, aus der Umklammerungzu entschlüpfen; hier aber waren die Alpen vorgelagert, durch derenenge Täler ebenso wie über die hohen Pässe nur Saumpfade führten.Der Herzog Filippo Maria hatte mit seiner politischen Einkreisung Bre-scias auch diese Gebiete zu sperren gesucht. In den Alpentälern saß HerrParis von Lodron , ein Feudalherr mittelalterlicher Prägung, der Lehns-mann des Herzogs von Österreich . Die weiteren für den Durchzugin Betracht kommenden Straßen östlich und nördlich des Gardaseesstanden unter der Botmäßigkeit des deutschen Bischofs von Trient . HerrParis war stets der Freund Venedigs gewesen, aber in diesem Jahre, alsdie Venezianer überall an Boden verloren, war auch er in Besorgnisum sein Land wankend geworden. Die Mailänder glaubten ihn schon fürsich gewonnen zu haben, denn am 2. August läßt sich der Herzog Filippomelden, daß der Ring um Brescia geschlossen sei, und auch Paris vonLodron wird unter seinen Anhängern genannt 33 . Jedoch blieben dieVenezianer in dem diplomatischen Ringen um die für sie so wichtigenAlpenpässe nicht untätig. Am 11. September schrieben sie an Paris vonLodron einen schlauen Brief 34 . Obwohl sie ganz genau unterrichtetwaren, daß auch er Verhandlungen mit dem Herzog gepflogen hatte,taten sie so, als ob sie an seiner Treue niemals gezweifelt hätten. Um auchihrerseits an der alten Treue festzuhalten, teilen sie ihm mit, daß ihrgemeinsamer Nachbar Alexander, der Bischof von Trient , ein Auge aufdas angrenzende Ländchen des Lodron geworfen habe und ihnen freienDurchzug durch sein Gebiet anbiete, freilich unter der Bedingung, daßihm gestattet sei, im Vorübergehen die Täler dem Herrn von Lodronfür dauernd wegzunehmen. Die Signorie denke jedoch nicht daran, aufdiesen Vorschlag einzugehen und ihren alten Freund so zu kränken...Die Drohung war deutlich! Andererseits hatte die Signorie ihren Rek-toren in Brescia aufgegeben 35 , unmittelbar über den Durchzug mit demLodron zu verhandeln, was Barbaro in seiner durch Liebenswürdig-keit verpflichtenden Weise ausführte, hatte er doch gleich anfangs die