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Privatangelegenheiten ging; hier handelt es sich um einen Gegenstand,der der Mühe des Redestreites wert war: das Ringen Mailands um dieHerrschaft Oberitaliens gegen Venedig und dessen Vorkämpfer Fran-cesco Barbaro. Als der Herzog von Mailand einsah, daß er sich der StadtBrescia nicht mit Gewalt bemächtigen konnte, versuchte er es mit Listund gedachte sie zu beschwätzen. Es mutet uns an, wie die Fabel vomWolf im Schafpelz, denn eines Tages wurde nach Brescia ein Pfeil miteiner Botschaft hineingeschossen. Als Barbaro sie entfaltete, sah er vorsich ein vom 21. Februar 1439 datiertes Schreiben der Mailänder an dieBrescianer 65 . Man wußte bis heute nicht, wer der Verfasser des Briefeswar, da man die humanistisch gewandte Feder, die es verfaßt hatte,weder «den Mailändern» noch ihrem Herzog, am wenigsten aber einemrauhen Kriegsmann wie Piccinino zutrauen wollte, jedoch hat sich derVerfasser in dem letzten der drei hier zu besprechenden Schreiben alseine bekannte Persönlichkeit enthüllt. Es war Pier Candido Decembrio ,Humanist am Hof des Mailänders 66 . Den Anfang des Briefes machteeine schmeichelhafte Anerkennung der Tapferkeit Brescias , das dem sieg-reichen Heere des Herzogs Filippo Maria , dem nicht einmal das großeBologna standhalten konnte, Widerpart geleistet habe. «Daraus könntihr den Beweis der großen Liebe des Caesar Philippus für euch ent-nehmen»; der Herzog wolle nicht, daß sie zugrunde gingen, nachdem siedas venezianische Heer treulos im Stich gelassen hatte. Was sie bishergetan hätten, wäre die Tat von weisen und tapferen Männern; wenn sieaber so fortführen, müsse man sie halsstarrig nennen. Warum hätten sieden Schaden der Herrschaft zuliebe auf sich genommen, die sie durcheinen Köder von ihm weglockte ? Der Herzog, unter dessen milde Herr-schaft sie zurückkehren sollten, wolle ihnen nichts nachtragen, denn erfreue sich über sie wie das Himmelreich über einen reuigen Sünder.Als seinen Gesandten schicke er ihnen den Cesare Martinengo, der alsKondottiere in seinen Diensten stehe, der als ihr Mitbürger ihr Un-glück beklage und beweine und der ihre Ehren und ihr Glück wie seineignes erwünsche. «Ihr seid eingeladen: der Tisch ist euch aufs passendstegedeckt, wenn ihr nur wollt. Was zögert ihr noch, ihr Söhne, zum Vaterzu kommen ?» Zum Schluß dieses väterlichen Schreibens fehlt nicht derHinweis, daß die Stadt bald ausgehungert sein werde, wenn sie noch weiter