Druckschrift 
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
231
Einzelbild herunterladen
 

BRIEFSTREIT PIER CANDIDO DECEMBRIO-BARBARO 231

zu den Venezianern hielte. Dieser, man kann wohl sagen, heuchlerischeBrief rief die helle Empörung der Brescianer wach. Barbaro selber, den siealleihren wahren Vaternannten,antwortet in ihremNamen.KeinBriefunterden vielen Hunderten seines verzweigten Briefwechsels hat die heldischeGröße dieser Erwiderung, die von seinen eben vollbrachten Taten wider-leuchtet und einen unbeugsamen Willen zeigt, auch unter den schwerstenDrangsalen bis zum letzten auszuharren. Dem unbekannten Mahner ausMailand ruft er zu: «Wer du auch seist, wir würden dir großen undewigen Dank wissen, wenn wir deiner Mahnung zur Zeit bedürften 67 .»Der erlauchte Herzog von Mailand sei von Kind auf Filippo Maria ge-nannt worden, und er wisse nicht, warum er ihn auf einmal CaesarPhilippus nennen solle. Seine Überzeugung, auf die wir schon bei derRelation an den Kanzler Kaspar Schlick stießen, beruht auf der Ver-achtung des tyrannischen Mailänder Regimentes. Daher die Klagen derBrescianer über die frühere mailändische Regierung. Wir kommen bei derAntwort des Mailänders noch darauf zurück. Der Kondottiere CesareMartinengo solle eher zu seinen Mitbürgern herüberkommen, als gegenseine Vaterstadt kämpfen. Gegen Ende des Krieges fiel er den Bre-scianern wirküch in die Hände. Es folgt das Lob des venezianischenStaates als letzter Zuflucht der Brescianer. «Wir Brescianer aber wol-len das wenige Blut, das wir noch besitzen, wahren, undhaben erlauchte und ausgezeichnete Männer (die Venezianer)angefleht, die allen Sterblichen unserer Zeit in Gerechtig-keit, in Milde und in der Heiligkeit ihrer Sitten vorangehenmüßten, die so viele Jahrhunderte hindurch nicht allein ihrgeheiligtes Reich durch gute Sitte und ehrbare Künste zu er-halten wußten, sondern es auch noch zu Wasser und zu Landeund zum großen Ruhme der Christenheit mehrten . . .»Die beiden ersten Briefe waren seit jeher bekannt und wurden schonvon Evangelista Manelmi in sein Kriegstagebuch aufgenommen. Nunhegt in Perugia eine bisher noch unbeachtete Handschrift der beidenerwähnten Briefe, doch einzig in diesem Codex Perusinus folgt ihnennoch ein langer dritter aus der Feder des Pier Candido Decembrio vom1. August 1439 68 , der Satz für Satz eine Entgegnung des Mailänder Humanisten auf den letzten Brief Barbaros enthält. Es gibt zu denken,