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warumdiesebedeutsameletzteErwiderungdes Mailänders ganz unbekanntnur in einer versteckten Handschrift auf einer abliegenden mittelitalieni-schenKommunalbibliothek erhalten blieb. Man möchte vermuten, daß sieManelmiwillentlich totschwieg, denn nachdem er Mailands ersten Brief undBarbaros hochsinnige Antwort bekanntgegeben hatte, konnte ihm nichtdaran Hegen, dem Feinde das letzte Wort in diesem Drama zu lassen. Bar-baro als Sieger sprach nicht mehr in Briefen, sondern durch die Tat.Aus Pier Candido Decembrio spricht die Untertanentreue zum ange-stammten Fürstenhaus der Visconti, dem schon sein Vater Uberto , einSchüler des Manuel Chrysoloras, diente. Seit jungen Jahren hatte PierCandido diplomatische Aufträge für seinen Herzog ausgeführt 66 , dereneiner ihn im November 1425 nach Venedig führte. Er hatte sich sehrdarauf gefreut, Guarino und Barbaro kennenzulernen, aber er war durcheilige Depeschen seines Herzogs abberufen worden, ohne diesen Wunscherfüllt zu sehen. Man stand kurz vor Ausbruch der Feindseligkeiten imersten mailändischen Kriege. Nach Hause zurückgekehrt, schrieb ereinen überaus herzlichen Brief an Guarino mit dem Bedauern, ihn undBarbaro, der damals in Vicenza Podestä war, in Venedig nicht gesehenzu haben. Diese anfangs herzlichen Beziehungen wurden durch dieKriegsereignisse, die die Mailänder schädigten, getrübt, und Decembriowird bald zum literarischen Widerpart unserer venezianischen Huma-nisten. Als 1428 Guarino ein Lobgedicht auf den siegreichen veneziani-schen Feldherrn, den Grafen Carmagnola, verfaßte, in dem er Venedigpreist und Mailand tadelt 69 , beauftragte der gekränkte Herzog FilippoMaria seinen Sekretär und Orator Pier Candido mit der GegenschriftDieser widerlegte nun in einem langen Schreiben an den uns schonbekannten Abt Zambeccari die Angriffe Guarinos, den er im Gegen-satz zu seinen Ehrfurchtserklärungen vor drei Jahren jetzt einen: vir indicendi facultate mediocris nennt 70 . Decembrio wendet in diesem Briefeschon dieselbe Art wie später an, nämlich Satz für Satz der Gegenschriftzu zerpflücken, ebenso wie in der jetzt aufgefundenen Entgegnungan Barbaro. 1435 arbeitet Pier Candido als mailändischer Diplomatam Hofe des Kaisers Sigismund gegen Venedig. Decembrio schreibtferner im Jahre 1439 noc h vor dem 1. August (dem Datum seines Rüge-briefes an Barbaro) einen Brief an den Mailänder Gelehrten Ambrogio