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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
233
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PIER CANDIDO DECEMBRIO

Crivelli, den wir später 1444 während Barbaros Gesandtschaft nach Mai-land in freundschaftlichen Beziehungenzu diesem sehen. Darin übt Decem-brio heftige Kritik an dem Stil Francescos. Er nimmt sich den Brief anLeonardo Giustiniani vor, den wir oben erwähnten 71 , und tadelt das, wasuns gerade als besonders wirksam erscheint: die Bildersprache. Decembriofindet es unangebracht, daß Barbaro, der doch mitten im Fesüand inBrescia säße, dauernd Seemannsausdrücke gebrauche, deren in der Tateine ganze Reihe in seinen Briefen nachzählbar sind. Wir erinnern unsdes Ausrufs Francescos, wie er vorne am Bug des Staatsschiffs imSturme stehe, während Giustiniani am Heck das Steuer führe. Das Aus-spinnen dieses Bildes findet Decembrio lächerlich: «Du siehst einen Mann,schreibt er, der nicht nur im Geiste, sondern mit Schreiberohr und Papierzwischen den trockenen Felsen Brescias Schiff fährt und sich nichtvon seiner Künstelei abbringen läßt. Hör den Barbaro selber, der alsVenezianer an nichts anderes denkt als an Schilfe und Ruder 72 .»Merkwürdig ist immerhin diese Neigung zu Seemannsbildern, dennsoviel wir wissen, hat Francesco nie größere Seefahrten unternommen,war nie in der Levante und scheint auch nicht besonders seetüchtiggewesen zu sein, denn auf der kurzen Fahrt über Meer von Ferrara zurPo-Mündung und die Küste entlang nach Venedig ist er seekrank ge-worden 73 . Aber wer als Kind in Venedig aufwuchs, dem mögen dieSeemannsausdrücke der Stadt im Meer so in Fleisch und Blut überge-gangen sein, daß er sie zeitlebens auch nach langem Aufenthalte auf demFestlande im Munde führte.

Während Decembrio, wie wir hörten, den ersten mit einem Pfeil nachBrescia hineingeschossenen Brief im Namen der Mailänder geschriebenhatte, entdeckt er im zweiten seinen wahren Namen und äfft sodannBarbaros Eingangsworte nach, die dieser in seiner Antwort an den ihmnoch Unbekannten gerichtet hatte. Erst an den Worten des Feindeskönnen wir die ganze Größe der Gefahr, in der Barbaro in der belager-ten und ausgehungerten Stadt schwebte, ermessen, denn er hatte dochnicht nur Leib und Leben zu verHeren, sondern auch seinen gutenNamen und Ruf vor Gegenwart und Nachwelt. An der Stelle, an der ervermutete, daß Barbaro zu verletzen wäre, greift er ihn an. Decembriospricht ihm die Uneigennützigkeit ab. Statt sich in diesem Augenblick