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um die venezianischen Staatsgrundlagen der Vergangenheit zu kümmern,solle Barbaro lieber an die unmittelbar bevorstehende schlimme Zukunftdenken, die er dadurch heraufbeschwöre, daß er die um Venedig wohl-verdienten Brescianer in den Tod treibe. Das tue er nur aus unersätt-licher Ruhmgier, und nach dem unfehlbar bevorstehenden greulichenGemetzel der unschuldigen Bürger werde er im Gedächtnis Italiens beiweitem der verhaßteste Mann sein. Natürlich glaubt Decembrio mitseinen Darlegungen den Rechtsstandpunkt zu vertreten, oder vielmehr:da die Mailänder mit den Waffen sich nicht mehr durchzusetzen ver-mögen, erheben sie jetzt um so lautere Klage über das Unrecht, das manihnen zufügt. Entscheidend und für die Venezianer sprechend ist wohlnur die Tatsache, daß die Untertanenstädte der Terra ferma wie Brescia die mailändische Oberherrschaft als drückend empfanden und es vor-zogen, bei Venedig zu bleiben. Sie wollten sogar eher die harte Kriegs-not ertragen, als unter die Herrschaft des Herzogs zurückfallen. Hingegenscheint es in der Tat, als ob die Venezianer formal nicht das Recht aufihrer Seite hatten. Außer dieser mailändischen Verteidigung des PierCandido haben wir von florentinischer Seite eine eigentümliche Äußerung,die sich auf den Ursprung dieser ganzen Kriege bezieht. Wir erinnern uns,daß es gerade Florenz gewesen war, das Venedig nach langem Friedenin den Krieg gegen Mailand hineinzog. Als ausschließliche Seemachtlegte Venedig früher keinen Wert auf Besitz auf dem Festlande. Bis 143 8blieben Florenz und Venedig Bundesgenossen, dann trat vorübergehendeine Abkühlung zwischen den beiden Städten ein, und Florenz zogsich vom Kriege zurück. Dadurch verschärfte sich die Lage vor Bre-scia erst so bedrohlich. Die getrübten florentinisch-venezianischen Be-ziehungen haben dann einen Uterarischen Niederschlag in den Fazetiendes Poggio gefunden 74 . Als sich einmal ein venezianischer und ein floren-tinischer Bürger unterhielten, prahlte der erstere: «Uns schuldet ihr eureFreiheit, denn durch unsere Hilfe seid ihr frei geblieben.» «Das ist durch-aus nicht wahr, entgegnete der Florentiner, um die Anmaßung desandern zurückzuweisen, nicht ihr habt uns frei gemacht, sondern wirhaben euch zu Verrätern gemacht.»
Nicht erhalten hat sich ein Pamphlet, das aus Schmähversen gegenBarbaro bestand. Man fand es eines Morgens innen an einem der Stadt-