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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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BEGEGNUNG BARBAROS MIT HERZOG FIL1PPO MARIA 261

die den Krieg zu ihrem Handwerk machten und während des Friedensüberall Unruhe stifteten. Die Signorie entschuldigt sich wieder mitihren großen Ausgaben für Sforza und mit der Beteuerung, daß einst-weilen ihr Bedarf an Kriegsvolk gedeckt sei. Vor endgültigem Entscheidwolle sie aber erst noch mit dem Genossen der Liga, Florenz , beraten.Am selben Tag schickt die Signorie noch einen zweiten Brief an Bar-baro 12 . Wieder das diplomatische Gleichgewichts spiel; der venezianischeBevollmächtigte dürfe im Verhandeln mit Dritten nicht bei den Bundes-genossen Anstoß erregen. Seine Aufgabe ist, mit aller Geschmeidigkeitin heiklen Fällen die gute Laune des Partners zu erhalten. «Volumus etmandamus, ist das stete Schlußwort der Signorie an Barbaro, per illoscautos et discretos modos, quae sapientiae vestrae videantur...» (Wirwollen und tragen euch auf, in jener vorsichtigen und klugen Art vorzu-gehen, die eurer Weisheit als die richtige erscheint.)Es haben sich von mailändischer Seite die Schriftstücke dieses diplo-matischen Verkehrs erhalten 13 . Die herzogliche Staatskanzlei bedientesich im Unterschied zu der venezianischen des Italienischen , oder viel-mehr der lombardischen Mundart. Der Kanzler Jakob Becchetti schriebnach dem Diktat seines Herzogs, dem das Lateinische nicht sehr ge-läufig war, ließ er sich doch für seinen Hausgebrauch von Pier CandidoDecembrio die antiken Schriftsteller ins Italienische übersetzen. Ver-gleicht man die Erlasse des venezianischen Senats und des Herzogs aufihren Stil hin,beides sind Niederschriften nach der gesprochenen Rede so nimmt man wahr, daß der Gedankenfluß bei den Venezianern ge-tragener und geordneter ist, während der flackrige Geist des MailänderHerzogs regellos herumfährt und plötzlich wieder auf das alte Themazurückspringt. Diese Lücken und Gedankensprünge begründet derKanzler damit, daß er mitten im Text neu anhebt: Mein Herr sagt, daß...Die Briefe sind überschrieben: Missere Francesco. Es kann jedoch nichtzweifelhaft sein, daß Barbaro gemeint ist. Becchetti ist seiner Bildungnach Humanist, ging aber seit geraumer Zeit im diplomatischen Dienstder Mailänder Kanzlei auf.

Einer der diplomatischen Aufträge für Barbaro handelt von der Hochzeit des Marchesedi Ferrara, Lionello d'Este, der 1441 seinem Vater auf dem Thron gefolgt war, mit derTochter des Königs Alfonso d'Aragona. Da der Herzog von Mailand früher daran