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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VIII ALTERSWEISHEIT

gedacht hatte, sich Lionello durch die Hand seiner Tochter Bianca zu verpflichten, warihm diese Verbindung, durch die König Alphons in Oberitalien größeren Einflußgewann, nicht lieb. Die Signorie läßt sich durch Barbaro entschuldigen, sie könne daranauch nichts mehr ändern, sie sei von dem Marchese erst nach vollzogener Verlobungunterrichtet worden und habe nichts anderes tun können, als ihm Glück zu wünschen. Barbaro als Lionellos Freund war dazu ausersehen gewesen, die Grüße im NamenVenedigs zu überbringen, aber dann war aus unbekannten Gründen die Botschafteinem andern Edelmann übertragen worden. Filippo Maria meinte darauf, dieStadt Venedig solle ihren guten Freund Lionello veranlassen, seine Hochzeit mit Rück-sicht auf die politischen Verhältnisse ganz Italiens wenigstens etwas hinauszuschieben,aber Venedig ist auch dazu nicht mehr imstande, da es dem Markgrafen auf seineBitten bereits zwei Galeeren als Abordnung zu seiner Hochzeit zugesagt hatte. Dannnörgelt der Herzog wieder eifersüchtig und mißtrauisch, weil Lionello nach Venedigkommen will und dort nach altem Brauch feierlich empfangen werden soll, wie alleMarkgrafen von Ferrara, wenn sie zum ersten Male nach ihrem Regierungsantritt indie befreundete Stadt kommen. Darauf erhält Barbaro den Auftrag, dem wegen seinerGemütsart schwierig zu behandelnden Herzog gütlich zuzureden, daß er omnemsuspectum et rancorem penitus reiecre velit (daß er allen Verdacht und Verdrußvon Grund aus von sich werfen solle).

Inzwischen trifft bei Barbaro wieder ein Schreiben seiner Regierung ein 14 ,die ihn davon unterrichtet, was er im Hauptverhandlungsgegenstandüber den Grafen Sforza sagen solle. Der Herzog hatte durch seinen Kon-dottiere Luigi di San Severino erklärt, daß es keinen Frieden gebenkönne, ehe Sforza nicht die usurpierte Mark Ancona verlassen hätte.Venedig hält diese Äußerung des Herzogs kurz vor Verhandlungsbeginnin Siena für das Ansehen des Grafen schädlich und macht auf den Zweckder Liga aufmerksam, demzufolge man doch den Grafen in seinem Besitz-stande schützen wolle, damit man einen «quietem ac paeificum statumItaliae» erhalte.

Das diplomatische Hin und Her, die Gespräche, die Ende Februar 1444in Mailand stattfinden, lassen sich genau verfolgen. Becchetti, Acciaiuoliund Barbaro kommen zusammen, und ersterer sagt, sein Herzog regesich auf, weil der venezianische Senat auf seine Anfragen keine Ant-wort schicke 15 ; er sei wieder mißtrauisch, daß man seine Vorschlägeübel aufnähme. Barbaro schickt sogleich am 27. oder 28. Februar eineDepesche nach Hause und wird angewiesen 18 , in Gegenwart des floren-tinischen Gesandten dem Kanzler die Erklärung zu geben, daß mansich wegen der Wichtigkeit und Mannigfaltigkeit der herzoglichen