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er auch in die Hände des Herzogs Maria Filippo fallen konnte. «Eiusmores forte mihi notiores sunt, seine Sitten sind mir vielleicht be-kannter, schreibt er, als diejenigen, die zu ihm gehen sollen.» ObwohlHippokrates verbiete, den unheilbar Kranken Heilmittel zu reichen, habeer in jenem Briefe doch so gesprochen, daß der Herzog ihn zu allgemeinemNutzen beherzigen könne. «Sollte dies nämlich geschehen, so würde ichmit dem Manne bei Plutarch , der statt des Hundes seine Stiefmutter mitdem Steine traf, sagen: ou2s toüto xa%ci>€ (auch nicht schlecht!). Nicht,weil ich das Vertrauen hätte, daß ich mit meinen Worten jemand zur Ver-nunft bringen könnte, der friedliche Ruhe nicht minder fürchtet als wirdie Waffen. Wer jedoch weder Glück noch Unglück ertragen kann undgenau wie im Frieden auf den Krieg, so im Krieg auf den Frieden lauert,wer. . . niemals mit sich eins ist, der könnte vielleicht, da er andereWindstöße gesehen und drohende Stürme im Geiste gewahrt hat unddem Ungewitter ausgewichen ist, diese Fluten und Strudel scheuen und,bevor der Würfel gefallen ist, (schon) im Hafen den möglichen Schiff-bruch bedenken 22 .» Barbaro überließ Giustiniani die Entscheidung, ober diesen Brief verbrennen oder auch an Foscarini nach Mailand schickenwollte, in der Erwartung, daß ihn der Herzog ebenfalls abfinge.Bei einer Unterhaltung über den Staat und die Macht des Herzogs FilippoMaria äußerte sich Barbaro einmal in bedeutsamer Weise 24 : «Ich weiß,welchen Ausschlag das Glück gibt, und welches Gewicht die Vernunftund der Fleiß der Menschen haben. Je größer nämlich die Herrschaft ist,um so wilderen Sturz ziehen zuweilen die Schicksalschläge nach sich.Doch mögt ihr eine Erzählung hören: Einst wurde ein Kürbis nebeneine Pinie gepflanzt, die ziemlich hoch mit weitausladenden Ästen dastand.Als die Kürbispflanze aber durch viele Regengüsse und mildes Klima ge-wachsen war, fing sie an, übermütig zu werden und ihre Ranken kühnerauszustrecken. Schon rankte sie sich an der Pinie empor, schon wagtesie, hinaufzuklettern und mehr und mehr sich zu verzweigen und mitLaub sich breit zu machen, sie zeigte dichtere Blätter, schimmernde Blüten,übergroße und strotzende Früchte. Da schwoll sie von Dünkel und Un-verschämtheit so an, daß sie sich vermaß, den Pinienbaum anzugreifen.Siehst du, sagte sie, ich überflügle dich, ich tue es an breiten Blätternund an Kraft dir zuvor und strebe bereits über deinen Wipfel empor.