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VIII ALTERSWEISHEIT
Die Pinie, die von Altersweisheit im Kernholz stark war, wunderte sichdurchaus nicht über die maßlose Frechheit des Kürbisses, sondern ant-wortete so: Ich habe viele Winter und Sommergluten, auch mannigfachesUnglück durchgekämpft und stehe bis jetzt unversehrt. Du aber wirstbeim ersten Frost deine Kühnheit einbüßen. Deine Blätter werden fallenund alle Kraft wird zusammensinken. So gibt es in Italien überaus vieleKürbisse, die sich gewaltig mühen, die Pinie anzugreifen, doch habensie mehr Mut als Kraft, weshalb sie in kurzem vertrocknen und absterben;die Pinie aber läßt sich wohl belästigen und stören, jedoch entwurzeltwerden oder vertrocknen wird sie auch in längster Zeit nicht.»So Barbaros Auffassung von Mailand und Venedig. Andererseits kenn-zeichnet nichts besser die Gesinnung des Herzogs, sein lauerndes, haß-erfülltes Abwarten im Frieden, bis er wieder losschlagen kann, als seine1444 zu Barbaro geäußerte Auffassung des venezianischen Staates: «Con-siderato che la vostra Signoria e immortale e Ii altri signori sono mortaliet stando a uidere vegnerli a vincere 25 .»(In Anbetracht, daß Eure Signorieunsterblich ist, und die andern Herren sterblich sind und darauf sehenmüssen, daß sie zum Sieg kommen.) Die stets sich wieder verjüngendeAristokratie an der Regierung Venedigs mache immer Miene, als könntesie lange zuwarten, aber die andern Stadtfürsten ringsum haben nur einLeben und lauern, wann der Zeitpunkt gekommen ist, über Venedig herzu-fallen. «Jedoch — lenkt der Herzog ab, denn er will dabei nicht an sich, son-dern an andere gedacht wissen — die Signorie, die ja unsterblich ist, denkthäufig einmal zu siegen, beim Ausbrechen eines Krieges aber könnte sievielleicht doch verlieren und durch ihren Verlust gelegentlich die anderenHerren groß machen, die sich durch die Menge ihrer Söhne und Brüder. . .auch unsterblich dünken könnten, wie zum Beispiel gerade der Marchesevon Ferrara, der jetzt noch klein ist, aber durch euren Verlust und eignenGewinst groß werden könnte und sich auch fast für unsterblich haltendürfte; und was man von ihm sagen kann, könnte man von vielen andernauch behaupten.»Die Tücke solcher Einflüsterungen ist gar zu deutüch.Der Neid des Herzogs liegt darin, wie er das Wort «Unsterblichkeit»ausspricht, da er selbst keine männlichen Erben hat und mit ihm seinHaus im Mannesstamme ausstirbt. Zugleich benutzt er die Gelegenheit,den treuen Lionello d'Este den Venezianern verdächtig zu machen.