Druckschrift 
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
266
Einzelbild herunterladen
 

266

VIII ALTERSWEISHEIT

Gesandte fragte zuvor den mit den Mailänder Verhältnissen vertrautenBarbaro, der sich zur Erholung auf seiner Villa San Vigilio bei Treviso befand, um seine Meinung über die politische Lage. Barbaro, besorgt umdie Erhaltung seines Werkes, des Friedens, und froh, in seiner erzwungenenMuße durch Rat helfen zu können, antwortet Foscarini in einem Brief,der einen Bück in sein reifes staatsmännisches Denken gestattet. Er siehtdie politischen Entscheidungen, die die Mächtigen treffen, aus demWider-streit von ratio und fortuna, von Vernunft und Glück, hervorgehen.Diesen beiden sind zugeordnet fides und perfidia, Treue und Untreue.Die Stunde der Entscheidung über Krieg und Frieden rücke abermalsheran. Zu welcher von diesen beiden eben genannten sich ausschließendenHaltungen der Herzog sich entschlösse, davon hänge das Wohl Italiens ab:«Wenn deshalb der erlauchte Herzog von Mailand bei sich bedenkt, wie oftTreu und Glauben und die Ruhe ohne irgendwelche Schuld unsererseitsverletzt wurden und wie wir gezwungen sind, eher zu seinem Schaden alszu unserem um Herrschaft und Ruhm rechtlich und fromm zu streiten, somöge er nach so vielen empfangenen und geschlagenen Wunden eher derVernunft als dem Glücke Folge leisten.» Wenn er aber doch einsähe,daß er, Cremona zu erobern oder Sforza auf seine Seite zu ziehen, nichterreichen könne, «so möge er alle anderen Sorgen ruhen lassen, daßnicht ein so gehäuftes Leid einbreche, und er möge das sich ausbrei-tende Feuer ersticken, damit nicht diese ungeheuerliche Fackel bald ganzItalien in Brand setze. Der Krieg, einmal ausgebrochen, läßt sich wederleicht beenden noch ohne große Verluste aufrechterhalten ... da einmalvom Recht abgewichen ist, so glaube ich, daß er, obwohl alles zu fürchtenist, sich vor nichts mehr hüten muß als vor Treulosigkeit 22 ».Barbaro kannte die Ängste des Herzogs wohl, der sich so sehr von derAußenwelt abschloß, weil er ständig von der Furcht gepeinigt wurde,daß man ihn durch Meuchelmord beseitigen wolle. Nur ein so beliebterund guter Fürst wie Federigo da Montefeltro konnte es sich leisten,allein und ohne Waffen durch die Straßen seiner Hauptstadt Urbino zugehen, da die Landleute, die ihm begegneten, niederknieten und sagten:Dio ti mantenga, Signore 23 ! Der Visconti dagegen verbreitete immerFurcht und Mißtrauen um sich. Barbaro hatte seinen Brief an LodovicoFoscarini, wie er gleichzeitig an Giustiniani mitteilt, so abgefaßt, daß