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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VIII ALTERSWEISHEIT

vermerkt der weltzugewandte Bernardo mit sichtlicher Befriedigung.Zuerst zeigte er sich gegen den Kleiderluxus der venezianischen Damenstreng, aber damit konnte er nicht durchdringen, da der auffahrendeDoge Francesco Foscari ihn vor sich rufen Heß und geistlichen Eingriffin die Sitten der Stadt sich verbat. Mehrfach beobachteten wir schondiese Haltung der venezianischen Regierung, die trotz aller Frömmig-keit nie einen Übergriff der Kirche auf ihre Staatsangelegenheiten dul-dete. Hier zwar wußte Lorenzo den Dogen durch sein mildes Wesen zubesänftigen, so daß dieser nach den Worten Bernardos die Tränen derRührung nicht zurückzuhalten vermochte, sich an die daneben Stehen-den wandte und ausrief: «Ein Engel, kein Mensch hat gesprochen. Geh,Vater, und walte deines Amtes !» 56 Aber die Frauen gaben sich nicht zu-frieden, wandten sich an den Papst und erreichten die Aufhebung dersie einengenden Verfügung ihres neuen Bischofs. Von seinem Vorsatz,das elterliche Haus zu betreten, wich er auch jetzt nur in zwei Fällen ab.Sein Bruder Marco siechte dahin, und über ein Jahr war sein heißesterWunsch, den frommen Bruder noch einmal vor seinem Tode zu sehen.Auf das häufige Drängen Leonardos und Bernardos gibt Lorenzo nurden Bescheid, er werde kommen, wenn es Zeit sei. Erst in der Todes-stunde des Bruders, die er voraus wußte, betrat er das Sterbehaus undgewährte dem Sterbenden den Trost, in seinen Armen zu verscheiden.Dasselbe wiederholte sich neun Jahre darauf beim Tode Leonardos. DiesVorauswissen und seine Haltung beim Hinscheiden der Brüder machteauch auf Barbaro tiefen Eindruck. In jenem schon früher erwähntenBrief an die Tochter Constanza über den Tod der Nichte Luchina schreibter: «Was der heilige Bischof Lorenzo Giustiniani, unser Vater, beim Hin-gang seiner Brüder Marco undLeonardo tat, weißt du wohl. Damals mußteman seinen gefaßten und beruhigten Sinn rühmen, so daß alle staunten,wie er lebe, weil er bei seiner besonderen Bruderliebe (cum singularipietate) weder ächzen und jammern wollte, noch zu weinen und seufzenvermochte 58 .» Der Kreis der venezianischen humanistischen Staatsmännererfuhr durch die Verehrung der nicht zu ihnen gehörigen heiligenMänner wie Lorenzo und Bernardino eine dankbar empfundene Er-hebung über das Irdische hinaus. Ganz deutlich sieht man an LorenzoGiustiniani, wie für ihn das asketische Leben nur Mittel zu einer Art von