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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VIII ALTE RS WEISHEIT

Im letzten Lebensjahr Barbaros 1453 trifft, wie Strahlen sich in einemPunkt einen, nochmal ein Abglanz aller früheren bedeutsamen Ereig-nisse seines Erdenwandels zusammen. Lodovico Foscarini ist damals inBrescia Podestä. Dadurch ist zum letztenmal zwischen Barbaro und derStadt seines heldischen Schicksals eine enge Gemeinschaft hergestellt.In den vergangenen Jahren hatte er durch seinen Arzt Pietro Tommasidie Neuigkeiten aus Brescia erhalten. Kurz nach der Niederlage vonCaravaggio im Herbst 1448, als Herzog Sforza vor Brescia zog und dieStadt erneut eine Belagerung durchzumachen hatte, schreibt Tommasian Barbaro 70 , daß ein Venezianer, der durch Lösegeld aus mailändischerGefangenschaft befreit und auf der Rückkehr durch Brescia gekommensei, ihm von der Stimmung in der Stadt berichte. Der habe gehört undgesehen, wie das Volk in den Straßen nicht nur mit Worten, sondernauch mit tiefen Seufzern nach Barbaro riefe, damit er es wieder aus dergegenwärtigen Not befreie. Tommasi bittet Barbaro, den das Amt desLuogotenente damals im Friaul festhielt, ihm wenigstens einen Briefzum Trost für die Brescianer zu schreiben, den er weiterleiten könnte.Zwar rücke Colleoni von Norden durch die Alpen zum Entsatz Bresciasheran, und die treuen Freunde Venedigs, die jungen Herren von Lodron,unterstützten ihn, doch Barbaros Wort gelte in Brescia am meisten.Außer von Tommasi wurde Barbaro damals noch von andern in dieserAngelegenheit bestürmt; mehrere Antworten von ihm sind erhalten. An-fangs hält es Barbaro für ganz günstig, wenn größere Kräfte des Feindesdurch die Festung Brescia gebunden wären. An Brescias Mauern seischon mancher Angriff zerschellt. «Ich habe mir und andern oft gesagt:den Brescianern wird Eisen nicht fehlen, um sich zu verteidigen, wenn sienur in genügender Menge Brot und Salz in ihren Mauern haben. Ichwünsche daher, daß einer bei ihnen ist, der zu befehlen versteht, dannwerden ihnen diejenigen wirklich nicht mangeln, die zu gehorchen ver-stehen. Daß das Brescianer Land zum Feinde abgefallen ist, darf den nichtwundernehmen, der die Artung jener Menschen und die örtliche Be-schaffenheit dort kennt: einen solchen Ansturm können sie wahrhaftignicht aushalten, sie sind gewöhnt, eher Beute des Sieges als Hort der Treuezu sein. Und wer wüßte nicht, daß die Alpenbewohner, auch wenn siewollten, keinen Widerstand leisten können. Sie schützen sich dadurch,