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Wie der französische Botschafter sich gegenüber HerrnSasonoff verhielt, ist nicht einwandfrei festzustellen, denn dasfranzösische Gelbbuch enthält bezeichnender Weise über diesewichtige Unterhaltung keinen Bericht, und Sir G. Buchanan beschränkt sich in seinem Bericht zu sagen, sein französischerKollege habe ihm „zu verstehen gegeben" (gave me to under-stand), Frankreich werde alle Verpflichtungen erfüllen, die inseiner Allianz mit Russland gegeben seien. Eine solche HaltungHess die Neutralität Frankreichs in einem russischen Angriffs-krieg offen. In der Tat hat Frankreich , wie wir sehen werden,erst in einem späteren Stadium der russischen Regierung dieZusage der unbedingten Waffenhilfe gegeben.
Wir wollen nun betrachten, wie die Haltung Frankreichs und Englands sich entwickelt hat.
Die französische Regierung befand sich ofienbar in einemschweren Dilemma. Einerseits war ihre ganze Politik seitJahrzenten auf den engsten Anschluss an Russland abgestellt;andererseits wog die Verantwortung, in der schlechten serbischenSache sich unbedingt auf die Seite Russlands zu stellen undallein mit Russland einen Krieg mitDeutschland und Oesterreich-Ungarn zu riskieren, zu schwer.
Die französischen Staatsmänner waren dementsprechendvon einer doppelten Furcht bewegt: einmal von der Furcht,bei der russischen Regierung Misstrauen zu erregen undFrankreich durch eine Lockerung der französisch-russischenBeziehungen zu isolieren; zweitens durch die Furcht, in einemKrieg gegen Deutschland und Oesterreich-Ungarn mit Russland allein zu stehen.
Die Wirkung der erstgenannten Befürchtung war, dassdie französische Regierung sich weigerte, in Petersburg irgendeine Einwirkung im friedlichen Sinne zu versuchen, die dortals ein Abrücken Frankreichs von Russland hätte aufgefasstwerden können. Die verschiedenen dringenden Schritte, dieder deutsche Botschafter nach der Ueberreichung der öster-reichisch-ungarischen Note an Serbien in Paris unternahm,um dem französischen Kabinett den Ernst der Situation vorAugen zu führen und darauf hinzuweisen, wie notwendig einmässigender Einfluss Frankreichs in Petersburg sei, wurdenstets mit dem grössten Misstrauen aufgenommen und alsVersuche, einen Keil zwischen Frankreich und Russland zutreiben, beargwöhnt.
Als nach Ueberreichung der österreichisch-ungarischenNote der deutsche Botschafter in Paris der französischenRegierung die korrekte und loyale Erklärung abgab,dass die deutsche Regierung die Angelegenheit als eine aus-schliesslich zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien zu