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nach jenen alten Vorstellungen nichts Anderes als Be-fehlen, und mit einem Parlament regieren bedeutet indiesem Sinne nichts Anderes, als sich des Nimbus einesParlaments bedienen, um den Befehlen grössere Feier-lichkeit und stärkern Nachdruck zu geben. Es ist einebeliebte Behauptung, dass es Bismarcks eigentlicherGrundgedanke sei, den Parlamentarismus durch die Par-lamente zu tödten. Ich glaube nicht an diesen Aus-spruch. Er sieht viel mehr dem Gehirn des Philosophenähnlich, das in den Mann der That seine Formel hin-einbuchstabirt, als dem Manne selbst. Bismarck — soscheint mir — dachte sich bloss, der Parlamentarismus sollte sein Knecht sein, oder, was noch wahrscheinlicherist, er behielt sich selbst hierüber seine Gedanken, alsüber etwas Nebensächliches vor, zur Zeit, da er dendeutschen Bundestag mit dem Ruf nach einem deutschenParlament sprengte. Mit dem künftigen Parlament wer-den wir schon fertig werden, so mochte es wohl imStillen durch seinen Sinn hindurch summen. Die Volks-vertretung benutzen, sie nicht respektiren, das ist soder alte Brauch der schlechten alten Zeit, und in dieserschlechten Manier sitzt Graf Bismarck mitten drin, festerals irgend Einer, und zu seinem grossen Schaden. DennUntreu schlägt seinen eigenen Herrn. Er hat die deut-schen Parlamente geschaffen und sollte es fühlen: Schneid’ich meine Nase ab, schänd’ ich mein Angesicht. Wie