Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
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ein Land, das eine reiche und zweckentsprechende Goldzirkulation wünscht,muß die Silberwährung preisgeben.

Für die Richtigkeit dieses Satzes hat die Geschichte des deutschen Münzwesens in diesem Jahrhundert den schlagenden Beweis geliefert-

Von den zur Zeit der Münzresorm noch zirkulierenden Goldmünz-sorten war ein Betrag von ungefähr 177 Millionen Thaler ausgeprägtworden. Von diesen gelangten im Verlauf der Reform nur etwa30 Millionen Thaler zur Einziehung; das sind etwa 18 Prozent, derAbgang durch Einschmelzung u. s. w. betrug also 82 Prozent. Bei denSilberkurantmünzeu dagegen haben wir fast genau das umgekehrte Ver-hältnis. Von dem Gesamtbetrag der Ausprägungen waren zur Zeit derReform noch etwa 82 Prozent vorhanden, so daß also der Abgang nuretwa 18 Prozent betrug.

Wären unsere Ausführungen über die Unmöglichkeit eines genügen-den Goldumlaufs bei einer Silberwährung nicht zutreffend, dann müßteman aus dem überaus starken Abgang, den die deutschen Goldmünzenaufwiesen, den Schluß ziehen, daß Deutschland keinen Bedarf an Gold-münzen gehabt habe.

Dieser Schluß wäre jedoch verfehlt.

Ein starker Bedarf nach Goldmünzen war längst vorhanden, derriesige Aufschwung, welchen Deutschland in wirtschaftlicher Beziehungseit der Gründung des Zollvereins und namentlich seit den fünfzigerJahren erfuhr, mußte mit der Notwendigkeit größerer Zahlungen undmit dem Anwachsen des Verkehrs mit den wichtigsten Handelsvölkern,welche sich des Goldes entweder als des gesetzlich anerkannten oder alsdes thatsächlich vorwiegenden Zahlungsmittels bedienten, das Verlangennach einer ausreichenden Goldzirkulation erzeugen.

Die deutschen Goldmünzen waren nun durch ihre schwankende Geltungauf die gleiche Stufe mit dem ungemünzten Golde und den ausländischenGoldmünzsorten gestellt. So kam es, daß, während die deutschen Gold-münzen massenhaft eingeschmolzen wurden und außer Landes gingen, derdeutsche Münzumlauf große Quantitäten ausländischer Goldmünzen herbei-zog. Bei einigen dieser Sorten wurde die Einwanderung nach Deutsch-land besonders dadurch begünstigt, daß sie zu dem Landessilbergeld aufGrund der damals geltenden Wertrelation zwischen Silber und Gold ineinem bequemeren Verhältnis standen als die einzige frei vermehrbaredeutsche Goldmünze, die Zollvereins-Krone. Das gilt namentlich hin-sichtlich der goldenen Zwanzigsrankenstücke. Diese wurden in Süddeutsch--